Mein alltägliches Gruselkabinett – Teil 2/2

In den beiden Artikeln „Mein alltägliches Gruselkabinett“ beschreibe ich meine persönlichen Symptome (Teil 1) und die auslösenden Situationen (Teil 2). Damit es mal deutlich wird, mit was ich so tagtäglich zu kämpfen habe…

Teil 2: Auslösende Situationen

Ich glaube, am Einfachsten ist es, die verschiedenen Möglichkeiten einer chemischen Ausdünstung offensichtlich zu machen. Vollständig gesunde Menschen fällt es in der Regel schwer, ein Verständnis für die Problematik zu zeigen. Am ehesten ist das Krankheitsbild MCS (Multiple Chemical Sensitivity) für Allergiker nachzuvollziehen, denn eine Person, die z.B. auf Birkenpollen reagiert, weiß aus eigener Erfahrung wie belastend ein Frühlingsspaziergang in der Natur sein kann. Durch MCS habe ich lernen dürfen, wie „verseucht“ unser Alltag von Chemikalien ist.

Der Mensch

Der Mensch ist Träger diverser Chemikalien. Hauptsächlich handelt es sich hier um Duftstoffe, die in folgenden Kosmetik- oder Körperpflegemittel eingesetzt werden: Deo, Haarspray, Nagellack und Nagellackentferner, Duschgels, Haarshampoos, Rasiercreme und Rasierwasser, Parfüm, Lippenstift, Make up, Puder, Lidschatten, Bodylotions oder Cremes, Intimspray. Möglich, dass es noch mehr gibt, ich bin in dieser Hinsicht etwas aus der Übung 😉 Je exotischer der Duft, desto größer die Absatzzahlen – das mag sich die herstellende Industrie denken. Nicht zu unterschätzen sind die Duftstoffe in Waschmitteln und Weichspülern. Ich erlebe kaum Menschen, die ein duftstofffreies Waschmittel benutzen. Immer muss alles nach Zitrone, Veilchen oder Dschungel riechen – als wäre der Eigenduft eines Menschen etwas Ekliges. Neben den Duftstoffen in der Kleidung sind auch die Ausgasungen der verwendeten Farbstoffe in der Kleidung problematisch. Es soll Menschen geben, die ihre frisch gekauften Klamotten nicht 2-3mal waschen bevor sie sie das erste Mal tragen. Für mich völlig unverständlich. Spezielle Ausrüstungen in Kleidungsstücken halte ich ebenfalls für problematisch. Weshalb müssen Socken den Fuß frisch halten? Täglicher Wechsel würde vermutlich ausreichen, und schon wäre wieder ein wenig Chemie eingespart. Lederschuhe sind eine weitere Quelle von Chemikalien, denn das Leder wird gefärbt und speziell behandelt, damit sie z.B. wasserdicht sind. Rauchende Personen schaden nicht nur sich selbst – was schlimm genug wäre, aber auch eine persönliche Entscheidung – sondern durch das Passivrauchen auch ihren Mitmenschen. Der Chemikaliencocktail im Zigarettenrauch ist für einen MCS-Kranken schon in weit geringeren Dosen problematisch, z.B. wenn der Geruch in der Kleidung hängt.

Das Gebäude

Umbauter Raum stellt eine vielfältige Quelle von Chemikalien dar. Die eingesetzten Bau-Materialien werden in der Regel lieber unter dem Gesichtspunkt billig statt gesundheitsfördernd ausgewählt. Ein paar typische Quellen von gesundheitsgefährdenden Stoffen sind: (Press) Spanplatten wegen Formaldehyd und der verwendeten Lösemittel, Laminat wegen des Formaldehyd, Fugendichtmittel, Bitumen, verwendete Holzschutzmittel im Innen- und Außenbereich, Tapeten wegen der evtl. wasserabweisenden Oberfläche oder der verwendeten Farben, behandelte Holzoberflächen, verklebter Fußbodenbelag (z.B. auch Parkett), lösemittelhaltige Dispersionsfarbe und Lacke, chemisch hergestellte Dämmstoffe, Styropor, frisch eingesetzter Montageschaum, u.v.m..

Gerade frisch gebaute oder renovierte Räume sind für eine chemikaliensensible Person eine große Gefahrenquelle. Manche dieser Baumaterialien gasen mit der Zeit aus und die problematischen Stoffe liegen dann entweder gar nicht mehr vor oder aber in einer so geringen Dosis, dass sie vertragen werden. Ich halte es im Alltag meist so: Wenn ich weiß, dass ein Raum renoviert wurde, meide ich ihn mind. sechs Monate und dann probiere ich es ganz vorsichtig, ob ich ihn vertrage. Ansonsten bleibt ein Aufenthalt so kurz als möglich und meine Atemschutzmaske ist ein Muss. Denn bei einem wichtigen Arztbesuch lässt es sich nicht vermeiden, solch einen Raum dennoch zu betreten. Aber der Nutzen muss schon SEHR hoch sein, damit ich die erwartbaren Reaktionen meines Körpers in Kauf nehme.

Die Möbel

Auch bei Einrichtungsgegenständen gilt es, sich genau nach den Inhaltsstoffen zu informieren. Manche sind mit sogenannten Flammschutzmitteln ausgerüstet, wie z.B. Tapeten, Teppichböden, TV-Geräte, Computer, Gardinen oder Polstermöbeln. Möbel aus Spanplatten sind äußerst problematisch, dünsten sie doch Kleber und nicht selten Formaldehyd aus. Sie sind billiger als Vollholzmöbel, aber eben auf Kosten der eigenen Gesundheit. Aber auch bei Vollholzmöbeln ist Vorsicht angesagt, denn manche MCS-Erkrankten reagieren auf die enthaltenen Terpene in den Hölzern. Ich persönlich vertrage frische Weichhölzer (z.B. Kiefer, Fichte) schlecht, aber Harthölzer (z.B. Buche) gut. Generell gilt aber immer: neu gekaufte Möbel dürfen/müssen auf dem Dachboden einige Wochen ausgasen bevor sie im Alltag eingesetzt werden.

Die Geschenke

Einem MCS-Erkrankten eine Freude mit einem Geschenk zu machen, ist wahrlich eine Herausforderung. Klassiker wie Bücher oder Zeitschriften sind meist unmöglich, da die Druckerschwärze und die Ausdünstungen der Farben Reaktionen auslösen. Blumen oder Pflanzen bergen immer die Gefahr von Pestiziden – egal ob Schnitt- oder Topfblumen. Gutscheine für Restaurantbesuche oder andere gesellschaftliche Anlässe sind ebenfalls tabu, da diese Situationen durch die Anwesenheit von anderen Menschen mit deren Duftstoffcocktails zum Albtraum werden können. Es braucht ein wenig Kreativität, um einem MCS-Erkrankten unangemeldet eine Freude zu machen. Ich freue mich mittlerweile sehr, wenn ich einfach gefragt werde – denn der Wunsch alleine zählt für mich schon. Abgesehen davon, dass mein Besuch ja meine Regeln der Duftstofffreiheit einhalten muss. Das zu bewerkstelligen und hier Rücksicht auf meine Bedürfnisse zu nehmen, ist schon ein Geschenk für mich.

Spezielle „gefährliche“ Orte – Indoor und Outdoor

Ein paar der typischen Ort, die besser vermieden werden sollten, will ich noch aufschreiben, denn den meisten Menschen ist es einfach nicht bewusst, mit welchen Einschränkungen ein MCS-Erkrankte umgehen muss. Sicherlich ist die Aufzählung nicht vollständig, aber sie sensibilisiert zumindest. Bitte bedenken Sie, dass die aufgeführten Besonderheiten zu den üblichen „Schadstoffquellen“ Mensch, Gebäude und Möbel dazukommen. Ich halte die Tabelle kurz, damit sie einen schnellen Überblick bekommen.

Arztpraxis undKrankenhaus Desinfektionsmittel, Reinigungsmittel, Arzneimittel, spezielle Untersuchungsmethoden (z.B. bei Kontrastmittel), Dentalmaterialien
Baustelle und Straßenbauarbeiten Teerarbeiten, Versiegelung von Straßenbelag, Kraftstoffdämpfe
Industriegebiete Sägewerk, Lackierwerkstätten, Chemiekonzerne, Baumärkte, usw.
Geschäfte Möbel, wiederholte Renovierungen, zusätzlich ist die Belastung abhängig vom angebotenen Produkt:· Baumarkt: Geruch aus Farben, Holz und anderen Baustoffen, Dünge- und Pflanzenschutzmittel· Gärtnerei: Schimmelpilze in Blumenerde, Pestizide auf Pflanzen, chemische Dünger

· Kopierladen: Feinstaub, chemischer Geruch der Druckerschwärze, Ausdünstungen aus dem Material neuer Kopiergeräte

· Schuhgeschäft: Behandeltes Leder mit chemischen Stoffen wie Chrom oder zum Färben, verwendete Kleber bei Schuhsohlen, Schuhe aus Kunststoffen

· Autohaus: Gummi neuer Reifen, Mischung der verwendeten Materialien = „Neuwagengeruch“, Reinigungsmittel

· Frisör: Chemische Stoffe zum Haarefärben oder für Dauerwelle

Tankstelle Flüchtige Schadstoffe aus den verschiedenen Kraftstoffgemischen
LKW´s Ein befülltes Müllfahrzeug kann belastende Stoffe geladen haben, die in nächster Nähe eingeatmet werden. Baustellenfahrzeuge mit Teerinhalt für den Belag neuer Straßen.

Ebenfalls sind dicht befahrene Straßen wie Autobahnen, Bundes- und Landestraßen, Hauptverkehrsadern in Dörfern, Parkplätze durch die Autoabgase und deren Feinstaub problematisch. Und falls in der Nähe ein Feuer ausbricht, sollte ein MCS-Erkrankter möglichst Abstand suchen statt aktiv an vorderster Front zu helfen. An dieser Stelle ist es hilfreicher, gesunden Menschen und der Feuerwehr die praktische Hilfe vor Ort überlassen. Denn Feuer setzt einen riesigen Cocktail von chemischen Verbindungen frei, die unbedingt gemieden werden sollten. Es bleibt ja noch die Möglichkeit der indirekten Hilfe, z.B. über die Versorgung mit Essen und Trinken oder evtl. Betreuung von betroffenen Personen (Achtung allerdings wegen der Duftstoffe und Vorsicht vor unbekannten Räumen).

Ja, Ihr Eindruck ist richtig. Wenn ein MCS-Erkrankter alle diese auslösenden Situationen meiden will, dann lebt er ein Leben in nahezu absoluter Isolation. Nicht das Leben, das ich mir für mich mal vorgestellt habe.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.