Ist das jetzt was Gutes oder was Schlechtes?

„Soll ich Dir jetzt gratulieren? Ja? Weil eigentlich ist es doch etwas Schlechtes… Oder doch nicht?“ So war die häufigste Reaktion auf die Nachricht, dass ich die volle Erwerbsminderungsrente dauerhaft bewilligt bekommen habe. Mir selbst ging es ähnlich. Ich wartete geradezu darauf, dass ich frustriert oder depressiv werden würde. Aber weit gefehlt. Ich machte stattdessen eine spannende Beobachtung:

Ich wurde langsam. So langsam. Zumindest empfinde ich das so. Ich, die sich immer über Leistung definiert hat, die abends selten zufrieden war mit dem, was an diesem Tag erreicht wurde, die schnell alles Mögliche erledigt hat. Jetzt ist es plötzlich für mich ganz leicht, mir nur ein bis zwei Aktionen pro Tag vorzunehmen. Das Grundgerüst meiner Aktivitäten, nämlich dreimal pro Tag für Essen zu sorgen und mittags mindestens eine Stunde Ruhepause ist unverändert. Also: Staubsaugen am Vormittag und eine Stunde Minijob-Tätigkeiten im Büro am Nachmittag. Oder Einkaufen am Vormittag und einen Blogpost schreiben am Nachmittag. Oder E-Mails beantworten am Vormittag und telefonieren am Nachmittag. Oder oder oder. Ich gönne mir zudem mehr Ruhe nach meinen derzeitigen wöchentlichen Infusionen zur Entgiftung der noch immer nachweisbaren Schwermetalle – ebenso wie nach auftretenden Vergiftungsreaktionen z.B. durch Duftstoffexposition.

Am Eindrücklichsten finde ich meine veränderte Haltung beim Einkaufen. Einerseits bin ich auch hier wesentlich langsamer geworden. Andererseits, wenn mich die anderen Personen im Laden „wie gewohnt“ anstarren oder Kinder auch mal mit dem Finger auf mich zeigen – denn ich tragen konsequent eine Atemschutzmaske – dann richte ich mich jetzt innerlich auf und ich höre in mir die Worte: „Ja, schaut nur, ich darf eine Maske tragen. Es wurde amtlich bestätigt, dass mein Körper sehr krank ist.“ Es ist als wäre ich stolz. Als wäre der Rentenbescheid eine Art Ritterschlag. Bisher fühlte ich mich nämlich immer falsch, nicht mehr an die Gesellschaft anpassbar. Nach dem notwendigen Lebensmitteleinkauf auf dem Parkplatz angekommen, überquere ich nun in aller Ruhe und in der MIR angenehmen Geschwindigkeit die Straße, egal ob ein Auto auf mich warten muss oder nicht. Früher habe ich mich hier immer angestrengt, habe ich mich an das Tempo der Autofahrer angepasst. Meistens bin ich dadurch über meine eigenen Grenzen gegangen. Nicht besonders schlau. Naja, ich wollte eben nicht unnötig auffallen.

Langsamkeit. ENDLICH Langsamkeit. Im Tun, im Denken, im Wahrnehmen von Gefühlen. Ich brauche viel mehr Zeit für alles. Das ist eine große Umstellung. Aber eine gute, denn ich fokussiere mich automatisch auf das Wesentliche – für anderes habe ich auch gar keine Zeit mehr 😉 Deshalb finde ich, dass der Rentenbescheid für mich etwas Gutes ist. Die amtliche Anerkennung bewirkt Entspannung in meinem Körper, meinem Geist und meiner Seele. Und er ist gleichzeitig wie ein Freibrief für mich geworden: ich DARF auffallen, ich DARF anders sein, ich DARF langsam sein. Darüber freue ich mich sehr!

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