Lachen statt Laufen

Ich habe mich endlich getraut. Getraut, über meine Muskelschwäche zu reden und um Unterstützung gebeten. Konkret heißt das, dass ich meinen Neurologen um Hilfe bei der Beantragung eines Rollstuhles fragte. Das fiel mir alles andere als leicht. Schon seit vielen Monaten spiele ich mit dem Gedanken, mir einen Rollstuhl anzuschaffen. Jedes Mal dachte ich: „Ach was, sooo schlimm ist es ja auch wieder nicht. Es wird schon gehen. Musst halt Deine Kraft einfach besser einteilen.“

Aber ehrlich gesagt: ich empfinde meine Muskelschwäche besonders an den Tagen als sehr belastend, wenn ich Besuch und große Lust auf einen Spaziergang habe. Nach einem halben Jahr Entgiftung durch Infusionen ist mein Körper so geschwächt, dass er nicht weiter als 100 Meter laufen kann. 100 Meter! Ich erinnere mich noch an den Sportunterricht in der Schule, in dem ich ein wirklich akzeptables Ergebnis beim 100 Meter-Lauf hatte. Und heute bin ich froh, wenn ich diese Strecke überhaupt in langsamem Gehtempo laufen kann. So viele Sitzbänke wie ich zum Ausruhen bräuchte, finde ich wahrscheinlich nur im Park eines Pflege- oder Altenheimes. Aber dafür bin ich echt noch zu jung 😉

Nun halte ich also das Rezept für einen Rollstuhl in der Hand. Eigentlich sollte ich mich freuen über die Unterstützung der Ärzte und meiner Krankenkasse. Ebenso über die Hilfestellung, die mir der Rollstuhl zukünftig bieten kann. Eine Radiuserweiterung ist so vielleicht wirklich möglich für mich. Endlich mal etwas anderes sehen als die altbekannte Spaziergangs-Runde, deren Länge ich einschätzen kann und wo ich die vorhandenen Sitzgelegenheiten fest zum Ausruhen einplane. Eine Radiuserweiterung – zumindest solange ich eine Person finde, die mich schiebt. Denn die Kraft mich selbst anzuschieben, habe ich nicht. Die Myalgische Enzephalomyelitis sorgt für eine Muskelschwäche im gesamten Körper nicht nur in den Beinen.

Eigentlich sollte ich mich also freuen. Aber ich fühle mich hauptsächlich wie ein Versager. Der Rollstuhl ist für mich ein sichtbares Eingeständnis, dass ich schwerbehindert bin. Ich zeige damit so was von deutlich, dass ich hilfsbedürftig bin. Über 10 Jahre habe ich mich ganz gut verstecken können. Mit dem Rollstuhl ist das nicht mehr möglich. Immer noch wünsche ich mir meine frühere Gesundheit zurück. Da ich es trotz aller Bemühungen bisher nicht geschafft habe, wieder gesund zu werden, genau deshalb fühle ich mich jetzt wie ein Versager. Es wird schwierig, … nein, besser ich sage herausfordernd … Also: es wird herausfordernd für mich, meine FreundInnen und meine Familie zu bitten, mich bei Spaziergängen mit dem Rollstuhl zu schieben. Und an den Steigungen tatsächlich sitzen zu bleiben. Ich will immer noch niemandem zur Last fallen.

Ich hoffe sehr, dass es mir gelingt, ausgerechnet bei Steigungen zu denken: „Wenn ich jetzt sitzen bleibe, dann bleibt mir mehr Kraft zum Lachen.“ Verrückt, und kaum zu verstehen, aber auch Lachen kostet den Körper Kraft. Aber ich denke, es lohnt sich! Selbst mir macht Lachen mehr Spaß wie Laufen!

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