Alltagsroutine: Arztbesuche und Ausleitungsinfusion

Ich sitze wieder im Zug auf der zweistündigen Zugfahrt nach Wiesbaden zu meinem betreuenden Arzt. Fühlt sich an wie Routine, meine Art „arbeiten“ zu gehen. Im ersten Halbjahr 2015 bin ich fast jeden Montag nach Wiesbaden in die Praxis gefahren. Nur um eine Infusion zu bekommen, die mir helfen wird, die belastenden Giftstoffe in meinem Körper auszuleiten. Mit Erfolg, wie die Tests ergeben haben. Nun, nach einer 8-wöchigen Sommerpause werde ich nur noch alle 2-3 Wochen eine Infusion bekommen. Ziel ist es jetzt, den erarbeiteten Zustand des Freiseins von Schwermetallen in meinem Körper zu erhalten, aber auch weiter zu entgiften.

Ich sitze also in der ersten Klasse des Regionalexpress´ von Fulda nach Frankfurt. Denn hier ist erfahrungsgemäß die Duftstoffbelastung nicht so extrem wie in der zweiten Klasse – schon allein weil weniger Menschen die erste Klasse benutzen. Außerdem genieße ich im Berufsverkehr morgens zwischen 8 und 9.30 Uhr die größere Ruhe. Mit meiner Atemschutzmaske mit Aktivkohlefilter verringere ich die Belastung durch Duftstoffe ein wenig. Ich sehe die Blicke der Menschen, die sich lieber einen anderen Sitzplatz suchen als in meiner Nähe zu sein. Vermutlich haben sie Angst, weil sie nicht wissen, weshalb ich die Maske trage. Mir ist das mittlerweile sehr recht, weil ich so mehr Abstand zu eventuellen Duftstoffquellen habe. In den seltensten Fällen spricht mich eine Person aus Neugierde persönlich an.

Ich sitze also im Zug, mein Netbook auf den Knien, damit ich die Reisezeit sinnvoll verbringen kann. Auf der Hinfahrt funktioniert mein Denken noch so gut, dass ich E-Mails und Blogposts schreibe. Neben der Ablenkung, die mir das Schreiben bietet, ist unterschwellig wieder Anspannung fühlbar: Wie vertrage ich heute die Infusion? Welche unvorhergesehenen Expositionen werden mich heute zusätzlich belasten? Werde ich heute die furchtbar schwer zu ertragenden Depressionen bekommen? Wird meine körperliche Kraft heute Abend ausreichen, um mir und meiner Familie ein Essen kochen zu können? Und ganz wichtig: Barbara, bleibe immer wachsam, vertiefe dich nicht zu sehr in dein Schreiben, sonst registrierst du unvorhersehbare Belastungsquellen nicht rechtzeitig!!

Unvorhersehbare Belastungsquellen… das sind in der Regel Menschen, die extrem nach Parfüm, Haarspray, Rasierwasser oder Zigarettenrauch riechen. Oder junge Mädchen, die sich im Zug bzw. in der S-Bahn die Finger- oder Fußnägel lackieren. Unvorhersehbare Belastungsquellen sind auch Straßenbauarbeiten am Bahnhof oder auf dem kurzen Weg zum Arzt. Oder ganz neu eingesetzte Eisenbahnwagen, Duftstoffbäumchen in Taxis, Renovierungsarbeiten in Bahnhofgeschäften. Manchen dieser Belastungsquellen weiche ich durch Aufmerksamkeit im Vorfeld auf, bei anderen muss ich wachsam sein, um sofort Abstand zwischen mir und der Belastungsquelle zu gewinnen. In der Regel gelingt es mir gut, diese vorher- und unvorhersehbaren Tücken des Weges zu meistern. Ich bin kontextsensitiver geworden in den letzten Jahren.

Hauptbahnhopf Frankfurt: Wenn ich am Hauptbahnhof Frankfurt den Zug wechsle, gleicht mein Weg oft einem Slalomlauf. Denn auf Dauer ist es unangenehm durch die Maske zu atmen, aber manche Menschen scheinen morgens mit ihrem Parfüm zu duschen. Das noch „Riechen“ zu nennen, ist wirklich untertrieben. Diese Menschen tragen eine Duftwolke mit sich herum, die mir den Atem raubt und mir nur die Möglichkeit lässt, möglichst viel Abstand zu ihnen zu gewinnen. Warum tun diese Menschen das? Können sie sich selbst nicht (mehr) riechen? Wollen sie durch den Duftstoffnebel von ihrem eigentlichen Wesenskern ablenken? Dem Gegenüber sozusagen die Sicht vernebeln? Schade, dass es so wenig Bewusstsein bei den Menschen gibt, dass sie ihrem Körper mit der täglichen Duftwolke einen Chemiecocktail zumuten, der ihnen auf lange Sicht schadet. Denn der Körper hat zwar spezielle Entgiftungsenzyme, um Schadstoffe auszuleiten, aber je nach Quantität der Belastung können diese Enzyme die anstehenden Arbeit irgendwann nicht mehr bewältigen. Ich beobachte mich dabei, dass ich den Menschen nicht nur physisch ausweiche, sondern dass ich ihren Blicken ausweiche. Durch mein ansonsten sehr zurückgezogenes Leben überfordern mich derartige Menschenmassen wie im täglichen Berufsverkehr in Großstädten völlig. Eine große Traurigkeit breitet sich in mir aus, wenn ich die geschäftig herumlaufenden Menschen sehe. Ich wäre so gerne ein Teil davon. Auch wenn viele es vielleicht nicht wissen: diesen Menschen steht die Welt offen. Sie können frei entscheiden, was sie mit ihrem Leben anfangen, was für Träume sie verfolgen. Durch meine Erkrankungen MCS und ME/CFS werden alle meine Wünsche und Träume derart eingeschränkt, dass es für mich manchmal mühsam ist, mein Leben als lebenswert zu betrachten.

Nicht vergessen: 20 Minuten Augen zu und Pause machen bevor ich in Wiesbaden ankomme. Vorbeugende Ruhepausen sind wichtig für mein Energiemanagement.

Hauptbahnhof Wiesbaden: Die übliche Entscheidung steht an. Fahre ich den für gesunde Personen nur 5 Minuten dauernden Weg zu meinem Arzt mit dem Taxi oder gehe ich zu Fuß? Vorteil Taxi: Krafteinsparung. Vorteil Fußweg: einigermaßen frische Luft nach gut 2 Stunden Maske. Nachteil Taxi: Ausdünstungen des Autos und Duftstoffe des Taxifahrers. Nachteil Fußweg: Kraftverlust. Zwickmühle. Heute laufe ich, weil ich gestern mein Ergometertraining nicht gemacht habe. Und ein wenig Training tut meinen Muskeln auch gut, sonst verkümmern sie ganz.

Endlich sitze ich bei meinem Arzt im Behandlungszimmer und die Infusion läuft in meinen Arm. Ich bin erschöpft vom Hinweg, freue mich auf die 45 Minuten sitzen mit viel weniger Menschen um mich herum. Wissend, dass ich bei Komplikationen zwar in guten Händen bin, aber niemand mir wirklich helfen kann. Wenn die Infusion zu schnell läuft, dann reagiert mein Körper ziemlich plötzlich mit Schwindel, extrem abfallendem Blutdruck und starken Depressionen. Also habe ich vorsorglich die Geschwindigkeit des Infusionstropfs immer im Blick. In seltenen Fällen entspinnt sich ein Gespräch mit anderen Patienten. Ich vermeide diese in der Regel, denn das offensichtlich gemeinsame Thema ist Krankheit und solche Gesprächsinhalte deprimieren mich zusätzlich. Lieber würde ich mich über positive und freudvolle Situationen unterhalten, aber im Prinzip fehlt mir jetzt schon die Kraft für ein anregendes Gespräch und der Heimweg will von mir ja auch noch gemeistert werden. Es gilt Kraft zu sparen, wo es nur geht.

Auf dem Rückweg ist der körperliche Abbau mit jeder Minute deutlicher feststellbar. Kurz nach der Infusion kann ich sozusagen schon erschöpft aber noch einigermaßen „beschwingt“ von der Arztpraxis weggehen und den Weg zum Bahnhof schaffe gerade noch so. Die letzten Meter auf dem Bahnsteig dagegen werden beschwerlich. Eine bleierne Erschöpfung breitet sich unaufhaltsam in mir aus. Ich beginne zu frieren, der Appetit auf unverträgliche Kohlenhydrate (Brot, Nudeln, Zucker) wird immer stärker. Das Laufen tut in der Hüfte weh, die Bewegungen werden mit der Zeit immer langsamer. Motorische Koordination z.B. beim Pullover ausziehen braucht extra Aufmerksamkeit. Das Denken fällt schwer, nur die routinierte Gewohnheit und sehr viel Zeit zum Umsteigen lässt mich den Rückweg überstehen. Wenn jetzt eine schnelle Entscheidung von mir getroffen werden müsste, könnte ich diese Denkleistung nicht vollbringen. Und zwischendurch gibt es wie Wellen von bodenloser Traurigkeit, die über mich hinweg rollen. Dann könnte ich aus dem Stand in Tränen ausbrechen. Ich lenke mich ab mit dem Lesen von Liebesromanen, Jugendbüchern oder dem Hören lustigen Hörbüchern, wenn selbst das Lesen zu viel Kraft braucht. Gehen ist nur meinem reinen Willen zu verdanken, Stehen geht gar nicht mehr, Sitzen bedeutet Anstrengung. Das Gefühl, am liebsten aus meinem Körper „raushüpfen“ zu wollen, wird stärker und stärker. Langsam aber sicher versinke ich in den Symptomen meiner Erkrankungen. Ich will nur noch nach Hause! Jetzt! Sofort! Und bitte erst wieder aufwachen, wenn alle Symptome verschwunden sind. Ob ich wohl in zwei Tagen wieder genug Kraft habe, um mich zu duschen? Abwarten…

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