Ins Leben sterben… so war´s…

Kurz nach dem Seminar fühlte ich mich wie ein zweites Mal geboren. Ich überlegte ernsthaft, einen zweiten Geburtstag im Jahr für mich einzuführen… Und das obwohl ich eine frische Entgiftungsinfusion intus hatte. Bisher war ich nie so gut gelaunt und zuversichtlich, mit all den Symptomen doch irgendwie ganz gut leben zu können.

Ich hoffte bei der Anmeldung zum Seminar „Ins Leben sterben“, andere schwer erkrankte Menschen, die vielleicht sogar unmittelbar mit dem eigenen Tod konfrontiert sind, zu treffen. Dieser Wunsch wurde mir vom Universum (leider) nicht erfüllt. Und dennoch waren die insgesamt drei Tage für mich sehr wichtig.

Zu Beginn des Seminars entschied ich, dass ich mir mit meinem inneren Wunsch „Ich will sterben“ endlich mal hörbar Ausdruck verschaffe. Denn der Tod stellt bei den Symptomen meiner chronischen Erkrankungen eine wirkliche Erlösung für mich dar. Mit diesem Statement schockte ich vermutlich die Gruppe, aber für mich war es absolut stimmig. Mich zumuten mit meinem Wunsch, mich selbst so sein lassen mit meinem Wunsch – nichts verändern wollen, nicht vernünftig sein, keine Argumente für die Schönheit meines Lebens zu finden und halbherzig zu vertreten. Nein, einfach mal diesen Wunsch in mir ganz groß sein zu lassen, mit ihm zu gehen und zu sein. Für längere Zeit.

Durch die verschiedenen Übungen, die mich alles Loslassen ließen, was mir im Leben wichtig ist, habe ich mich immer freier gefühlt. Keine Verpflichtungen, keine vermeintlichen Erwartungen anderer Menschen, keine Glaubenssätze, nicht mal Erinnerungen hatte ich noch, nur noch einen Körper. Und auch den durfte ich gefühlt loslassen als ich meine selbstgeschriebene Grabrede hörte. Ich fühlte mich so wohl in meinem Tod! Endlich Ruhe und innerer Frieden – herrlich! Überraschenderweise spürte ich keine Traurigkeit, weil ich die liebsten Menschen in meinem Leben verlassen hatte. Im Zentrum meines Fühlens stand ICH. Nur ICH. Das war genau richtig und stimmig so. Losgelöst von allem, ganz bei mir, ganz im Frieden mit mir und mit allem.

Es war eher schwierig für mich, wieder zurückzukommen. Mein erster Kommentar nach meiner Grabrede war: „Ja, dann eben noch eine Runde“ – eine Runde im Spiel des Lebens. Ja, es gibt in der Tat Wünsche, die ich mir in meinem letzten zu lebenden Jahr bzw. Tag auf dieser Erde gerne erfüllen möchte. Manche dieser Wünsche erlebe ich heute schon. Das war eine wunderbare Erkenntnis. Meinen letzten Tag gestalte ich mir wie einen Sonntag oder einen Feiertag im Kreise meiner lieben Familie. Essen, Kuscheln, Quatschen, Spielen. Ausruhen und schlafen, wenn ich müde bin – da übe ich im Alltag noch 😉 Das einzige was anderes ist als in meinem Alltag ist das Tanzen am Abend zusammen mit meinen liebsten Freundinnen und Freunden.

Mein erstmaliges Annehmen der tief empfundenen Hilflosigkeit, Ohnmacht, Ungerechtigkeit, Wut und Angst im Zusammenhang mit meinen Erkrankungen – alles Emotionen, die ich während des Seminars spürte – zeigte mir, dass ich auch in Zeiten der körperlichen Schwäche „richtig“ bin. Bisher wollte ich diese intensiven (von mir als negativ bewerteten) Gefühle nicht spüren, und in letzter Konsequenz dazu eben auch nicht in meinem Körper sein. Besser tot als fühlen! Das war wohl mein Motto. Den beiden Seminarleiterinnen Hanne und Birgit, danke ich von Herzen für Ihre Begleitung durch meinen Prozess! Nur durch sie habe ich den Mut gefunden, mich endlich meinen Emotionen zu stellen, den Widerstand gegen diese Gefühle aufzugeben. Ich habe mich zu ersten Mal „richtig“ gefühlt, in meinem schwachen Körper, mit meinen Symptomen. Es war einfach egal, was mein Körper gerade machte. Mein ICH war richtig. Immer richtig. Mein ICH IST immer RICHTIG.

Sterben empfinde ich zwar auch jetzt noch als eine Erlösung – aber ich will diese Möglichkeit eher als eine zukünftige Ahnung oder als eine vergangene Erinnerung betrachten, nicht mehr als konkrete Lösung in der Gegenwart. Ich habe während des Seminars entdeckt, dass mitten im Tod das Leben wohnt. Was auch immer das genau bedeutet. Ich fühle den Satz, aber ich verstehe ihn noch nicht. Und ich habe mir vorgenommen: Ich will die Zeit bis zu meinem natürlichen Tod ganz arg gerne noch mit VIEL Wohlfühlen und mich-richtig-Fühlen verbringen. Und wenn die Symptome mal wieder besonders stark sind, will ich mich auch in dieser Situation RICHTIG fühlen. Denn ich habe erfahren, dass ich, während ich mich richtig fühle, nicht sterben will. Sondern im JETZT leben. Es ist wie es ist – JETZT und JETZT und JETZT.

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