Wenn Liebe zu viel wird

Kann denn Liebe jemals zu viel werden? Was ist das denn für eine Frage… Tja, ungewöhnlich. Und dennoch für mich ein wichtiges Thema. Ich habe mittlerweile ca. acht Wochen Erfahrungen mit der Methode Pacing gesammelt. Es gab tatsächlich einige wenige Abende, an denen ich noch Kraft verspürte. Statt mutlos und lebensunlustig stumpfsinnig in den Fernseher zu starren oder vor Erschöpfung schon um 20 Uhr ins Bett zu fallen. Einige wenige. Immerhin.

Was habe ich an diesen Tagen anders gemacht? Ich habe grundsätzlich nach 30 Minuten Aktivität eine vorbeugende Ruhepause von 15 Minuten und einen langen Mittagsschlaf gemacht. Die Nachmittag habe ich mit einer inneren Haltung von „ich habe Urlaub“ verbracht – also in der Sonne gesessen, ein wenig gelesen, 20 Minuten Yoga oder sehr leichtes Ergometertraining gemacht. Eben keine körperlich oder geistig anstrengenden Aktivitäten, kein sozialer Austausch oder gar etwas Nützliches wie Einkaufen erledigt, was ja immer eine Exposition mit für mich unverträglichen Stoffen zur Folge hat. Ich vermute, dieses Leben wünschen sich andere Menschen. So geruhsam, so stressfrei. Mal abgesehen davon, dass dieser Tagesablauf lediglich einer gesundheitlichen Notwendigkeit gehorcht und nicht auf Freiwilligkeit beruht, er zeigt mir gleichzeitig unmissverständlich meine Grenzen auf.

Wenn Liebe zu viel wird… Ich liebe meine Familie. Meinen Mann und meine beiden (Stief-)Kinder. Ich erlebe uns als eine Familie, die viel Spaß miteinander und auch große Nähe zueinander haben kann, wenn nicht gerade die beruflichen und schulischen Aktivitäten im Mittelpunkt jedes Einzelnen stehen. Wie kann ich meinen Beitrag zur Familie leisten, damit dieser wertvolle Raum erhalten bleibt? Früher habe ich die meiste Logistik selbständig im Hintergrund erledigt. Dazu fehlt mir jetzt die Kraft. Für fast alle Aktivitäten benötige ich Hilfe.

Nun haben sich die Kinder entschieden, mehr Tage als bisher bei uns zu verbringen. Seit vielen Jahren sind die beiden insgesamt 10 Tage im Monat bei mir und meinem Mann. Ab sofort werden es 14 Tage im Monat sein – zumindest erst mal bis Weihnachten. Lächerliche zwei Tage mehr pro Woche und dennoch sagt mir mein System, dass das zwei Tage mehr „Stress“ bedeutet. Verrückt. Aber es gibt neben der Aufgabe für insgesamt vier Personen statt für zwei Personen zu kochen eben auch viel mehr soziale Interaktionen. Zwei Personen mehr wollen über ihren Tag und ihre Erlebnisse berichten, wollen zu Freizeitaktivitäten mit dem Auto gefahren werden, brauchen Unterstützung in schulischen Angelegenheiten. Zwei Personen mehr am Esstisch bedeutet ganz praktisch auch doppelt so viel Einkaufen. Oder zwei Personen mehr, die nicht zu vermeidenden Dreck machen oder Schmutzwäsche produzieren.

Ich kann gar nicht sagen, wie ich es zum Kotzen finde, dass ich mir solche Gedanken überhaupt machen muss. Es ist nämlich wunderbar, dass ich die Kinder 4 Tage länger erleben darf. Dass ich mit ihnen lachen und weinen, sie unterstützen und bewundern darf. Die beiden sind ein sehr großes Geschenk für mich! Wie abartig, wenn körperliche Grenzen versus Liebe steht und eine Entscheidung getroffen werden muss, welchem Aspekt ich mehr Raum gebe. Es schmerzt mich unheimlich und meine Traurigkeit ist deswegen manchmal groß.

Ich habe entschieden, dass ich es ausprobieren werde. Auch ich habe mir eine Probezeit bis Weihnachten eingeräumt. Und den festen Willen, dass ich den positiven Aspekten mehr Aufmerksamkeit schenken werde. Dazu braucht es wohl eine Umstellung in meinem Tagesplan. In den Kinderwochen werde ich also vormittags „Urlaub“ machen, damit ich nachmittags für Präsenz und alle notwendigen Aktivitäten genügend Kraft habe – vor allem zum Reden, Lachen und einfach Da-Sein, wenn Unterstützung gebraucht wird. Glücklicherweise ist mein Mann selbständig, so dass er Fahrdienste oder anderes außer Haus übernehmen kann. Ich bin gespannt, ob mir die Liebe wirklich zu viel wird – oder ich es schaffe, der Liebe noch ein wenig mehr Raum in meinem Leben zu geben.

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