Mein Herz soll wieder fliegen können

Ich schaue aus dem Fenster und die Sonne lockt mich. Ach, wäre das schön, jetzt spazieren gehen zu können. Hinaus in die Natur, den Wind um die Nase spüren, den Ausblick über das Land der offenen Ferne von einem der kleinen Berge in der Rhön zu genießen. Bei diesen warmen Temperaturen denke ich ja gar nicht an Schlittenfahren oder Fackelnachtwanderungen durch verschneite Landschaften – was durchaus auch seinen Reiz hätte.

Neben der Lust auf Bewegung spüre ich gleichzeitig diese große Traurigkeit, weil ich nicht genügend Kraft habe, mir meinen Wunsch zu erfüllen. Erst vor vier Monaten hatte ich ein Rezept für einen Rollstuhl erhalten. Ich benutzte ihn auf Leihbasis und bin froh, dass er mittlerweile wieder aus meinem Leben verschwunden ist. Ich bin nicht sonderlich gut damit zurecht gekommen. Nur zum Spazierengehen mit FreundInnen war er wirklich hilfreich. Für alle anderen Situationen ist der Gebrauch zu anstrengend, so dass ich lieber gleich daheim bleibe. Aber diese FreundInnen-Termine sind so selten, dass sich aus meiner Sicht die Anschaffung eines Rollstuhls nicht lohnt, zudem er im Winterhalbjahr entweder aufgrund der Straßenverhältnisse oder der kalten Temperaturen nicht nutzbar ist.

Bleibt als einzige Möglichkeit, mir irgendwann einmal meinen Wunsch nach Bewegung erfüllen zu können, das gute alte Konditionstraining. Ich habe deshalb bereits im Herbst wieder angefangen, mich auf mein Ergometer zu setzen und regelmäßig zu fahren. Und heute gibt es Grund zu feiern! Denn ich habe mein erstes Etappenziel erreicht. Tataaaa!!!

Im September startete ich mit einer Trainingseinheit pro Tag. Drei mal fünf Minuten mit einem Widerstand von 15 Watt und 40 Umdrehungen pro Minute. Nach jeder 5-Minuten-Phase gab es fünf Minuten Pause.

15 Watt ist wirklich lächerlich wenig. Heinrich Bergmüller, der das metaMotion-Konzept entwickelte, beschreibt in seinem Buch „Das Hermann Maier Trainings-Programm“ einen Widerstand von 40 Watt mit 60 Umdrehungen bei einem Reha-Patienten als „fast im Leerlauf“. Mmmh, bei mir bläst anscheinend dann noch ein starker Rückenwind…

Ich habe mich in den letzten drei Monaten langsam hochgearbeitet. Ich verdoppelte meine Trainingseinheit auf zwei pro Tag, nach dem Frühstück und nach dem Abendessen. Dann habe ich die Minuten-Phasen schrittweise alle zwei Wochen um eine Minute erhöht.

Mein jetzt erreichtes Etappenziel: Zwei Trainingseinheiten pro Tag mit drei mal zehn Minuten mit einem Widerstand von 15, 20 und 25 Watt bei max. 50 Umdrehungen pro Minute. Die fünf Minuten Pause habe ich nach jeder 10-Minuten-Phase beibehalten.

Ich trainiere nun also statt insgesamt 15 Minuten pro Tag 60 Minuten. Das bedeutet eine Leistungssteigerung in der Länge meiner gefahrenen km auf dem Ergometer von 300%. Abgesehen davon trainiere ich an sechs Tagen in der Woche, komme also insgesamt auf 360 Minuten Ausdauertraining. Wow, da bin ich selbst beeindruckt. Auch wenn ich weiß, dass ich ganz weit weg bin von einem Normalzustand und ich parallel zu meinem Ergometer-Training einen halben Tag mit Nichtstun verbringe, weil mir einfach die Kraft fehlt.

Der wichtigste Wert des metaMotion-Konzeptes ist die Fettstoffwechselbasisschwelle. Diese liegt bei 1,0 mmol/l Laktat. Derzeit liegen 100% meines Trainings in dem Bereich zwischen 1,0 bis 1,5 mmol/l. Das sorgt für ein äußerst sanftes Training. Müde werde ich trotzdem, die Kraft fehlt an allen Ecken und Enden, aber ein Komplettausfall wegen Erschöpfung gibt es glücklicherweise sehr selten. Wenn ich mit einer Trainingsintensität zwischen 2 und 4 mmol/l Laktat unterwegs wäre, dann würde ja schon ein gesunder Körper den Kohlenhydratstoffwechsel nutzen, um die notwendige Energie bereitzustellen – und genau dieser Umstand macht einen Durchschnittssportler schneller müde. Wie das dann bei mir, einer Patientin mit ME/CFS (Myalgischer Enzephalomyelitis/ Chronic Fatigue Syndrom) wirkt, will ich mir im Detail lieber gar nicht vorstellen – ziemlich verheerend vermutlich und aus gesundheitlicher Sicht eher gefährlich, vermute ich.

Um mein Training optimal auf meinen geschwächten Körper abzustimmen, habe ich einen Laktat-Stufentest machen lassen. Natürlich sehr viel sanfter als üblich, aber absolut aufschlussreich. Als Vergleichswerte für die eigene Erstellung eines Trainingsplans hatte ich die drei Berichte meiner Leistungsdiagnostik von Heinrich Bergmüller aus den Jahren 2012 und 2013. Damals startete ich mit einer mäßigen Leistungsfähigkeit und arbeitete mich innerhalb von acht Monaten zu einer durchschnittlichen Leistungsfähigkeit hoch. Heute steht mein Startblock viel weiter hinten: meine Leistungsfähigkeit ist laut Tabelle als bedenklich einzustufen. Das spiegelt auch mein persönliches Empfinden wider.

Es wird ein langer Weg werden, der viel Disziplin erfordert. Momentan stecke ich alle Hoffnung in dieses Training, was gleichzeitig auch bedeutet, dass mir die Kraft für ganz viel anderes fehlt. So ist mein Rückzug in die Isolation noch umfassender geworden. In den manchmal endlos erscheinenden Zeiten auf dem Ergometer, höre ich sozusagen zu Motivationszwecken meinem Herz ab und an beim Träumen zu. Und es flüstert mir die schönsten Traumbilder ein: lange Spaziergänge im Wald, eine Fahrradtour mit meiner Familie, Schwimmengehen im Badesee oder Inlineskaten auf dem Radweg. Wenn mein Herz doch endlich wieder fliegen könnte…!

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