Mut tut saugut – wieder einmal!

Ende Februar. 19°C. Wind und Sonnenschein. Nichts zu tun. Oder besser: einfach mal nicht tun. Die vielen Dinge, die getan werden könnten, nicht tun. Das ist für mich gewöhnungsbedürftig. Und enorm entspannend.

Es fühlt sich für mich an wie: mein Leben krempelt sich still und leise um. Was ja in sich schon Quatsch ist, weil es „ES“ ja nicht gibt. Also: ich beginne mein Leben umzukrempeln. Angefangen hat dieser Prozess im Jahr 2014. Damals bin ich mit Unterstützung eines Freundes in die Toskana gefahren, um an einem mir sehr wichtigen Seminar teilnehmen zu können. Am Strand von Pisa öffnete sich mir wieder die Welt: Meine Welt; die in den Jahren davor immer kleiner wurde. Immer eingeschränkter durch meine Erkrankungen.

Heute schreibe ich diesen Beitrag für meinen Blog auf der Insel Lanzarote. Ja, richtig gelesen. Auf Lanzarote, eine der kanarischen Inseln. Deswegen auch die 19°C Ende Februar.

Der Winter ist für mich immer schwerer auszuhalten in Deutschland. Die Feinstaubbelastung durch das Heizen der Häuser macht meinem Körper zu schaffen und er hat Mühe, sich selbst warmzuhalten. Um nicht unnötig Energie zu verbrauchen, verbringe ich die meiste Zeit im Haus. Raus an die frische Luft zum Spazierengehen ist dieses Jahr völlig unmöglich gewesen. Ich komme mir vor wie ein eingesperrtes Tier. Zugegeben im Luxuskäfig, aber eben doch hinter Gittern. Mein Mann verkürzt sich, wenn es beruflich und finanziell geht, gerne die lange Winterzeit mit einem Urlaub in der Wärme. Für mich war das bisher völlig undenkbar – denn die Anreise stellte mich vor ein unlösbares Problem.

Dieses Jahr aber war mein Wunsch so groß, dass ich nach neuen Lösungen suchte. Außerdem – so dachte ich – war mein vergangenes Jahr 2015 so anstrengend, dass ich mir wahrlich Urlaub verdient hatte. Meine Lernerfahrungen bei der Vorbereitung meiner Reise beschreibe ich ein einem anderen Beitrag. Denn heute will ich etwas ganz anderes loswerden…

Ja, der Anreisetag war furchtbar anstrengend. Aber der Nutzen ist jetzt nach einer Woche Urlaub schon so groß, dass ich diese Erfahrung auf jeden Fall wiederholen möchte.

  • Ich hatte kaum (!) Symptome durch die Anreise mit Zug, Flugzeug und Mietauto. Das Wunder schlechthin für mich war, dass meine Erschöpfung und Übelkeit nur am Anreisetag anhielt. Bereits am ersten Urlaubstag habe ich mich tatsächlich gut gefühlt.
  • Ich schlafe nachts ausgesprochen gut und wache erholt auf. Auf den Mittagsschlaf verzichte ich hier meistens, ruhe mich beim Lesen nur ein bisschen aus.
  • Ich erkunde die Insel mit meinen beiden Begleitern in der Regel für vier bis fünf Stunden mit dem Auto und ein klein wenig auch zu Fuß. Täglich!
  • Ich habe nach sechs Tagen Urlaub einen Strandspaziergang von 30 Minuten Dauer machen können – ohne die üblichen Schmerzen in der Hüfte. Nach einer Liegepause abends war ich sogar wieder fähig, ein leckeres Abendessen zu kochen.
  • Die Nahrungsmittelunverträglichkeiten halten sich in Grenzen, zumindest wenn ich auf Zucker verzichte. Biologische Lebensmittel sind leider ungeheuer teuer hier auf Lanzarote, so dass ich Konventionelles esse. Gut, dass ich nicht weiß, was sich hinter den vielen Zusatzstoffen mit dem Anfang „E“ in den Inhaltsstoffen versteckt. Ein paar Lebensmittel habe ich per Post vorausgeschickt, so dass ich eine annehmbare Lebensmittel-Mischung habe.
  • Trotz eigener Bettwäsche sind die Duftstoffe im Schlafzimmer und im Bad immer noch zu riechen. Aber ich beobachte dennoch keine gravierenden Symptome an mir. Yeah!
  • Ich fühle, dass ich mich mehr und mehr entspanne.

Ja, ich will diese Erfahrung sehr gerne auch nächsten Winter wiederholen. Es ist seit langem das erste Mal, dass ich mir solche Zukunftsträumereien überhaupt zugestehe. Ich fange langsam an, mein Leben selbst zu gestalten. Vor allem dieser Aspekt ist völlig neu für mich. Ich bin endlich kein Opfer eines eingeschränkten Lebens mehr, das sich mir aufgrund meiner Erkrankungen so aufgezwungen hat. Ich werde selbst zur Gestalterin. Das fühlt sich völlig eigenartig für mich an. Mein Leben war bisher durch Anpassung bestimmt. In Bezug auf meine Erkrankungen: Anpassung an meine Energiegrenzen und Anpassung an meine chemische Sensitivität.

Diese Anpassungsgebot immer im Mittelpunkt meines Denkens zu halten, damit ich irgendwie den Tag überstehe, ist kräftezehrend und oft genug absolut freudlos. Umso wichtiges sind solche Auszeiten wie hier in Lanzarote. Denn mein Leben ist definitiv einfacher, wenn die Temperaturen warm sind und ich mich die meiste Zeit des Tages draußen aufhalten kann. Dann kann ich im Café sitzen, die Anwesenheit der anderen Menschen genießen und bin aufgrund des Windes nicht mit Duftstoffen konfrontiert. Herrlich! Natürlich benötige ich Hilfe von anderen Menschen, damit ich innerhalb meiner Energiegrenzen bleiben kann. Aber hier fühlt sich das irgendwie viel natürlicher an.

Und jetzt? Jetzt habe ich endlich wirklich das Gefühl, dass mir die Welt offen steht.

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