Die Tippelbrüder – danach kommt lange nix

Ich stieg in den mal wieder hoffnungslos überfüllten ICE ein. Bahnte mir einen Weg durch das Bordrestaurant und das Bistro auf der Suche nach einem Sitzplatz. Reserviert hatte ich nicht, denn ich hatte nicht damit gerechnet, dass am späten Vormittag eines Donnerstags im Oktober so viele Menschen unterwegs sein würden. Mit meiner Atemschutzmaske, meinen beiden kleinen Koffern und meinem Schlafsack war ich wie gewöhnlich für fast jeden Fahrgast ein Hingucker. Den nächstbesten Passagier, der mit entgegen kam, fragte ich: „Ist es in den Wagons dahinten auch so voll wie hier?“ „Ja, da ist es voll verraucht“, versuchte der junge Mann wohl einen Witz in Bezug auf meine Maske zu machen. Ich reagierte nicht darauf, hörte im Grunde nur das „voll“ und drehte sofort um. Im Bordbistro des ICE war nämlich zumindest ein Steh-Sitzplatz frei gewesen.

Dort angekommen, bat ich um Aufnahme und um besagten Sitzplatz. Die Männergruppe – biertrinkend und in Feierlaune – bot mir hilfsbreit den gewünschten Sitzplatz an, kümmerte sich um meine Koffer und trank weiter. Seufzend setze ich mich, zog meine Ohrstöpsel aus der Tasche und bereitete mich auf eine laute Zugfahrt vor. Laut, weil die Männer selbstverständlich eine Musikanlage dabei hatten, mit der sie den gesamten Wagen beschallten. Jetzt erst schaute ich auf das Logo der T-Shirts: Die Tippelbrüder – danach kommt lange nix. Ach herrje, das kann ja lustig werden. Ein weiterhin biertrinkender Haufen von bereits jetzt schon angeheiterten Männern auf ihrem jährlichen Kegelausflug – da weiß man/frau ja im Vorfeld schon wie das endet bzw. wie anstrengend und unangenehm diese Zeitgenossen sind. Die entspannte Zugfahrt mit Zeit zum Meditieren kann ich mir Abschminken!

Nun ja, ich schloß meine Augen und ergab mich in mein Schicksal. Meine Ohrstöpsel taten ihre Arbeit ganz gut, die Musik war wesentlich leiser. Puh. Nach ein paar Minuten fiel mir auf, dass mir die Musik gefiel. Da wurde mir bewusst, dass ich die Wahl hatte: Entweder würde ich die nächsten 1,5 Stunden genervt sein und mit meinem Schicksal hadern. Oder ich genoss die Zeit mit der Männergruppe. Ich entschied mich für den Genuss 🙂

Und wurde reichlich dafür belohnt, denn…

  • die Musik war wirklich gut.
  • die Männer waren spendierfreudig und mir mangelte es nie an stillem Wasser.
  • die Männer waren interessiert an mir und so gab es das eine oder andere wirklich nette Gespräch.
  • die Männer sprachen von „Respekt“ und „Achtung“, weil ich mich mit dieser Atemschutzmaske überhaupt aus dem Haus traue – das ist Balsam für meine Seele und macht Mut für weitere Ausflüge.
  • ich flirtete mit einem der Männer, was mir eine riesige Freude machte – denn ich hatte ja die ganze Zeit diese hässliche Atemschutzmaske auf. Das könnte am Alkohol gelegen haben, richtig. Oder aber auch einfach daran, dass es mir völlig egal war, wie ich aussah und meine Lebensfreude spürbar war.
  • ich fühlte mich pudelwohl und immer sicher im Kreise dieser Männer.

Der Abschied kam nach 1,5 Stunden irgendwie viel zu schnell. Ich hätte gerne noch mehr Lebendigkeit und gute Laune getankt. „Entschuldige bitte für meinen blöden Spruch vorhin“, sagte einer der Männer als ich meine Sachen packte. Ich stutzte und fragte nach, was er damit meinte. Ich hatte ihn nicht erkannt, der blöde Spruch zu Beginn der Reise war von ihm. Danke für diese Entschuldigung – falls Du das jemals lesen solltest. Hier zeigte sich wahre Größe!

Ich denke gerne an diese lebendige, fröhliche und so gänzlich unerwartet verlaufende Reise zurück. Was ich gelernt habe? Männergruppen können unterhaltsam sein – sogar im angeheiterten Zustand (!) – und ich als Frau darf mir einen Platz unter diesen Männern nehmen. Einfach so und ohne negative Folgen.

Liebes Universum, bitte schicke mir mehr von diesen Erlebnissen. Sie nehmen mir die Unsicherheit, mich mit meiner Atemschutzmaske zu zeigen. Und außerdem: Sie tun mir gut. Denn unter dieser Maske und tief innen unter meinen so einschränkenden Erkrankungen bin ich eine Frau, die Aufmerksamkeit von Männern mag und braucht.

1 Kommentar


  1. Today, I went to the beach with my kids. I found a sea shell and gave it to my 4 year old daughter and said „You can hear the ocean if you put this to your ear.“ She
    placed the shell to her ear and screamed. There was a
    hermit crab inside and it pinched her ear. She never wants to go back!
    LoL I know this is completely off topic but I had to tell someone!

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