Perspektivenwechsel

„Zwei Gefangene sahen durch
die Gitter in die Ferne;
der eine sah die Stäbe nur,
der andere die Sterne.“

In mir findet eine Veränderung statt. Zeit meines Lebens war ich irgendwie eine gute Krisenmanagerin gewesen. Die traumatischen Erlebnisse in meiner Kindheit und als junge Erwachsene hat mich meine Seele mit einer Kreativität überleben lassen, die mich erstaunt, stolz macht und erfreut. Denn: Ich habe überlebt.

Letzte Woche erkannte ich, dass ich mich erst in Anbetracht einer Krise „ganz gut“ fühle. Mein Leben fühlt sich tatsächlich nur stimmig an, wenn da eine Krise ist. Am besten noch eine gesundheitliche. Damit kenne ich mich nämlich aus. Die im Zitat oben genannten „Gitterstäbe“.

Zu den „Sternen“ zu sehen, dagegen verunsichert mich. Vielleicht, weil sie so weit weg sind. Und daher für mich unerforschbar und unergründlich. Mit den „Sternen“ verbinde ich eine für mich krisenfreie Zeit, eine Zeit des reinen  Wohlbefindens. Denn es ist für mich eine große Herausforderung, mich einfach mal ein paar Tage hintereinander rundum wohl zu fühlen. Ich werde dann regelrecht nervös, warte auf den nächsten großen Knall und weiß mit mir selbst nichts anzufangen.

Das Leben einfach genießen? Spazierengehen und die Sonne genießen? Auf der Picknickdecke im Park liegen und nichts tun? Mich mit Freund*innen treffen und lachen? Meine Kreativität ausleben und etwas Schönes schaffen? Nach den Sternen greifen und verrückte Dinge tun?

Stattdessen mache ich mir Gedanken, ob ich dann – also im Falle eines „mir geht es gut“ – (womöglich seit Wochen) – noch zu der Gruppe der ME/CFS- und MCS-Menschen dazugehören darf.

Aber weißt du, tief in mir gibt es (endlich) ein so starkes Gefühl von „ich-will-mich-endlich-nur-noch-wohl-fühlen“, dass ich auf die Empfehlung von Erwin aus Wien hören will:

„Wir haben schon so viel Schlimmes in unserem Leben erfahren und müssen durch unsere Erkrankung täglich mit einem so eingeschränkten Leben zurecht kommen, dass wir für die nächsten 40 Jahre quasi dazu verpflichtet sind, nur für unser Wohlbefinden zu sorgen“.

Ich werde nach diesem Stern des „Wohlbefindens“ greifen und damit einen für mich radikalen Perspektiven- und Wertewechsel vornehmen.

(Quelle des Zitats: Ein Freund)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.