So viel freie Zeit…

…das wünsche ich mir auch. Da kannst du endlich mal alles machen, was du schon immer wolltest. Ich würde einfach nur mal die Beine hochlegen – nichts tun müssen ist doch was Tolles. Hast du es gut.

So oder so ähnlich stelle ich mir die Sätze so mancher Menschen vor, wenn sie mit Frührentner*innen über ihren „Ruhestand“ sprechen. Blöd ist, dass gerade Frührentner*innen einen Grund haben, weshalb sie nicht mehr arbeiten gehen können. Meist ist das ein eher unangenehmer gesundheitlicher Grund. Wie in meinem Falle eben auch. Denn, liebe Leute, jeden Tag zu Hause zu sitzen, mir meinen Tag eigenständig zu strukturieren – immer angepasst an die vorhandenen Energiereserven – ist alles andere als erquicklich. Immer wieder möchte ich mehr machen, als mein Körper Kraft hat. Es fehlt mir wahrlich nicht an Ideen, was ich so wirklich gerne machen würde. Aber meist sind das Aktivitäten, die meinen Körper kräftemäßig überfordern würden. Was aber dann mit der vielen freien Zeit anfangen? Fernsehen? Musik hören? Meditieren? Schlafen? Das sind Aktivitäten, die ich früher gerne zur Entspannung gemacht habe. Als Abwechslung. Aber als einziger Tagesinhalt? Echt jetzt?

Nicht wirklich etwas aktiv tun können, ruft bei mir das Gefühl der Einsamkeit hervor. Und diese Einsamkeit wiegt immer wieder schwer. Was ist das für eine Einsamkeit in mir? Denn ich habe eine Familie. Und Freund*innen. Ich bin wahrlich nicht allein. Aber ich fühle es so in mir. Immer wieder. Manchmal bemerke ich in so einer Einsamkeitsphase, dass ich den Kontakt zu mir selbst verloren habe. Sobald ich wieder „bei mir bin“, geht es mir besser. Dann ist auch die Erschöpfung leichter zu nehmen wie sie eben ist. Immer wieder ertappe ich mich dabei, dass ich aus dem Kontakt zu mir selbst gehe, weil ich meinen Körper mit seinen Schwächen, mit seiner Erschöpfung nicht spüren will.

Warum tue ich das?

Es macht mir Angst, wenn der Körper nicht tun kann, was ich will. Dabei habe ich in eher seltenen Fällen Schmerzen. Nur diese massive Erschöpfung im Denken und in der Bewegung. Begleitend dazu Angstzustände. Mich beschäftigen in solch einer Situation die Fragen: Was, wenn mein Zustand sich nicht mehr bessert? Was, wenn ich mich nicht mehr selbst versorgen kann? Was, wenn ich ständig auf Hilfe angewiesen bin? Lauter solche Fragen, die zu dem jetzigen Zeitpunkt überhaupt keine konkrete Basis haben, denn nach zweidrei Tagen Ruhe geht es mir ja wieder so gut, dass alle diese Fragen sich vollständig verflüchtigen.

Warum nehme ich die Schwäche meines Körpers nicht an?

Weil nur Leistung zählt. Immer noch. Verdammt. Das ist ein echt hartnäckiges Thema in meinem Leben. Leistung ist etwas, was man zählen kann, oder abwiegen, oder wofür man Aufmerksamkeit erhält. Der bestmögliche Umgang mit einer körperlichen Erkrankung ist keine Leistung. Es ist lediglich eine LÄSTIGE Notwendigkeit.

(Geschrieben in einem Zustand der Erschöpfung und der Angst)

1 Kommentar


  1. Hallo Barbara,

    …soviel Zeit….

    …manchmal habe ich das Gefühl ich suche täglich nach diesem Selbst….(außer ich bin …wie du es so schön schreibst „bei mir“…da stelle ich nicht soviele Fragen….aber das Leben mit cfs ….also – dieser Punkt…warum man manchmal so „fraglos“ eins mit sich ist, seinem Körper, dem Leben wie es ist – ist und dann wieder nicht….was macht genau den Unterschied?

    Dazu dieser Wechsel aus Angst….was wird wenn der Partner und die festen und lebbaren Strukturen nicht mehr da sind – die schadstoffarme Wohnung? Dann wieder Dankbarkeit, dass es jetzt so ist wie es ist – wie aus den mentalen Löchern kommen oder gar nicht darin erst versinken – das Gehirn zwischen Überforderung und totaler Unterforderung……klingt jetzt nicht so schlüßig – eigentlich wollte ich nur sagen wie genau du das auf den Punkt hin beschreibst!

    Ich spüre im Kontakt mit Betroffenen, dass man das nicht groß erklären muss – aber im Kontakt mit Menschen die von der Außenwelt sehr eingenommen sind…von einer Aktivität zur nächsten….(war ich ja früher auch)….wie es da schwer zu erklären ist….natürlich und zum Glück kann ich heute besser und länger mit mir alleine sein als früher (sonst würd man ja wahnsinnig werden) – aber diese Lebensform ist für mich nicht freiwillig – manchen macht das Angst (weil sie fürchten selber so zu leben) – und aus der esoterischen Szene – kann es dann schon mal so ein Kommentar kommen als sei das hier „die Chance“ schlechthin – so ungefähr im Rahmen eines (lebens)langen Retreads – ich merke zwar dass ich mich verändere – das schafft aber auch einen anderen Blick auf die Welt draußen….ich bin ungeheuerlich konfrontiert mit mir selbst….auch mit meiner Sehnsucht etwas zu gestalten…

    Letztens fiel mir wieder das Gedicht Baba Yaga aud dem Buch „Raum weben“ von Daphne Wurzbacher (Leben mit cfs/me) zu – ein radikales Gedicht, so kann ich gar nicht schreiben – aber ich spüre was davon – …so und jetzt – fällt mir ein, dass wir uns gar nicht kennen – erhalte aber deine Newsletter auf mein Mailprogramm – und diese verschiedenen Phasen die du so beschreibst – ja – ich hoffe es stört nicht….dass ich ab und zu – ein paar Gedanken – in den Äther dazu schicke?! Bitte sonst gerne sagen!

    Auf jedenfall liebe Grüße

    und danke dass du so erlich schreibst auf deiner Seite!

    B.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.