Respekt? Ja, bitte!

Manchmal frage ich mich, warum Menschen mir immer wieder meinen sagen zu müssen, wie ich mein Leben zu leben habe. Und was ich anderes machen müsste. Sehe ich so hilfsbedürftig aus? So unfähig, mein Leben eigenständig zu meistern? Liegt es an meiner kleinen, eher zarten Statur, die besonders bei Männern den Beschützerinstinkt anspricht? Und mich damit gleichzeitig für inkompetent in allen Lebenslagen bewerten? Halloooo?!???

Interessant ist, dass mir das weniger passiert, wenn ich im Rollstuhl sitze. Als würde mich dieses Gefährt vor Grenzübertretungen schützen. Vermutlich verreise ich deshalb so gerne mit Rollstuhl – ich fühle mich sicherer. Warum aber passiert ES, wenn ich meine Atemschutzmaske trage?

Vor einigen Wochen sprach mich ein Heilpraktiker beim Einkaufen an. Wollte seine Methoden an mich „verkaufen“ und gab mir seine Visitenkarte, mit der dringenden Einladung, mich zu melden. Vielen Dank auch! Diese Visitenkarte schaffte es gerade bis in den nächsten Papierkorb. Das hat mir so richtig gut getan. Die Art und Weise, wie er mit mir sprach, disqualifizierte ihn auf schnellstem Wege. Aber sagen konnte ich es ihm leider nicht.

Erst neulich meinte mein Hautarzt, ich müsste meine Atemschutzmaske doch gar nicht tragen. Er hätte da einen Bericht in der Zeitung gelesen. Der hatte übrigens NICHTS mit meinen Erkrankungen zu tun, nur so am Rande bemerkt.

Ach, klar. Er ist Experte für diese Einschätzung. Ich vergaß. Er ist ja Arzt. (Achtung: Ironie!!!)

Seine Respektlosigkeit, während eines Hautscreenings mir seine Meinung aufzudrücken, entging ihm völlig. Meine notgedrungenen Erklärungsversuche, wischte er einfach beiseite. So fühlte ich mich in kürzester Zeit mit dem Rücken zur Wand gedrängt, weil ich an diesem Tag sowieso schon am Ende meiner Kräfte war. Erst als ich meinte, dass ich KEIN Problem mit der Maske habe, aber andere Menschen anscheinend schon, beendete er das Gespräch zügig und konzentrierte sich wieder auf sein eigenes Fachgebiet.

Aha, das scheint der Grund für so einige respektlose Bemerkungen zu sein. Mein Gegenüber hat ein Problem. Er oder auch sie hält es nicht aus, so offensichtlich mit Krankheit konfrontiert zu werden. Mit einer Krankheit, die er nicht kennt. Blöderweise sich aber auch nicht die Zeit nimmt, sie kennenzulernen und den konkreten Einzelfall zu verstehen. Nein, stattdessen gibt es ungefragt Text auf die Ohren.

Noch bin ich in solchen Situationen zu überrascht, wenn mir ein Mensch derart respektlos begegnet. Manchmal geradezu wie erstarrt, so dass mir keine schlagfertigen Antworten einfallen. Diese ungefragten Bewertungen, die Grundlage für die Aussagen sind, sorgen für meine Erstarrung. Das ist eine klassische Traumareaktion. Das Stammhirn reagiert und der Neocortex ist komplett ausgeschalten. Hier hilft nur das Einfordern einer Pause. Also, sobald ich in der entsprechenden Situation merke, dass ich ungefragt bewertet werde, STOP sagen. Und im Notfall die Situation verlassen.

Eine schlagfertige Antwort traue ich mir noch nicht so recht zu. Aber STOP sagen… das ist umsetzbar.

2 Kommentare


  1. Hallo Barbara,

    …tatsächlich erlebe ich die Welt auch sehr unterschiedlich draußen ….beginnen meine Gangstörungen – und schiebe ich mich schon sehr mühsam atmend vorwärts…tun die Menschen so als sähen sie nichts….sitze ich im Rollstuhl….sind die Menschen hauptsächlich freundlich…so ein „junge Frau im Rollstuhl“…da werden Türen geöffnet – nachgefragt – wildfremde Menschen grüßen mich…und dann kommt die Maske dazu! Da wird nicht mehr gelächelt…eher ziehen sie sich verschreckt zurück – halten Abstand…schauen heimlich…vermeiden aber jeden Blickkontakt wenn ich zurückschaue…dabei bin ich doch immer die Gleiche…..
    Alles Gute für die Sommerpause 🙂
    Liebe Grüße

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    1. Liebe B.,
      ja, das ist eigenartig. Ich mache in meinem Alltag die Erfahrung, je offener ich mit meinen Erkrankungen umgehe, je selbstverständlicher ich Teil der Welt der anderen bin, desto offener begegnen mir die Menschen. Wenn ich einen aufrechten Gang habe und forsch in die Welt schaue, werde ich auch freundlich-vorsichtig angesprochen. Aber es gibt eben auch die Erfahrung, wenn ich mich müde auf meinem Weg fortbewege, dass ein Weggucken oder blöde Sprüche häufiger sind. Dabei wäre gerade in solch einer Situation ein aufmunterndes Wort so wichtig. Naja, ich gehe auch nicht immer aufmerksam durch meinen Alltag. Traue mich auch nicht, anderen offensichtlich angeschlagenen Menschen ein Kompliment zu machen. Vielleicht sollte ich das einfach mal beginnen? Selbst ein wenig Licht bringen? Egal wie krank ich selbst bin?!
      Liebe Grüße
      Barbara

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