Ich will, dass es endlich aufhört!

Es soll aufhören. ES. Das Leiden. Dieses freudlose Vor-Sich-Hin-Existieren oder auch Doch-Irgendwie-Ein-Kleines-Bisschen-Funktionieren. Was macht das für einen Sinn? Ist das Leben? Echt jetzt?

Noch nie habe ich über meine Gedanken zum Thema Suizid berichtet. Ich glaube, es ist mir peinlich. Peinlich, dass ich Suizid grundsätzlich für eine legitime Wahl halte. Schließlich sagt man ja es auch nicht öffentlich. Dieses „Ich will sterben. Und zwar JETZT.“

 

Situationen für Suizid-Gedanken

Es gab zwei unterschiedliche Situationen in meinem Leben, in denen der Suizid-Gedanke in mir war.

Ich fiel durch die beiden Erkrankungen MCS (Multiple Chemical Sensitivity) und ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis/Chronic Fatigue Syndrom), deren Leitsymptome Reaktionen auf chemische Stoffe in kleinsten Mengen und eine massive Erschöpfung sind, in ein derart tiefes Loch der Sinnlosigkeit über mein Leben, dass mir der Tod als angenehmer Ausweg erschien. Ich empfand mich nur noch als Last. Geringste körperliche, emotionale oder geistige Anstrengung hatte große Erschöpfung zur Folge, die mehrere Tage anhielt. Ich konnte also mit meinem vorhandenen geringen Energievorrat einfach nichts mehr leisten. Dabei war ich immer gerne beruflich tätig gewesen, gab mir meine Arbeit doch einen Sinn und sicherte meine unabhängige Existenz. Als Rentnerin wegen Erwerbsminderung fehlte mir schnell die Anerkennung, die ich aus meinem Beruf bezogen hatte, und natürlich meine finanzielle Basis. Zudem lebte ich in größtmöglicher Isolation, weil der direkte Kontakt mit Menschen einfach unmöglich wurde. Nicht, weil ich Angst vor ihnen hatte, sondern weil ich z.B. die Duftstoffe aus Parfüm, Duschgels oder Waschmitteln nicht vertrug. Oder auch die Ausdünstungen der Baustoffe in den Gebäuden, in denen wir uns getroffen hätten.

Sobald ich Stoffen ausgesetzt war, die mein Körper für sich als unverträglich eingestuft hatte, bekam ich neben unangenehmen körperlichen Reaktionen auch depressive Schübe. Das passierte beispielsweise bei einem Esslöffel Vollkornreis. Oder beim Spaziergang im Herbst durch den Wald. Es dauerte einige Zeit bis ich herausfand, dass u.a. Schimmelpilze die Ursache für meine körperlichen Reaktionen waren. Aber auch bei Lösemitteln oder anderen Chemikalien konnte ich diese Reaktion feststellen. Wie aber diesen ganzen Stoffen ständig ausweichen? Wie mit diesen Einschränkungen ein erfülltes Leben führen? Und wie mit dieser bodenlosen Erschöpfung umgehen? Bei der Duschen zum absoluten Luxus wurde? Einfach alles war anstrengend. Wirklich alles.

Erst in einem speziellen Krankenhaus, in dem ich in einem Zimmer lag, das keinerlei chemische Stoffe ausdünstete, und mit einer speziellen auf meine Bedürfnisse abgestimmte Ernährung, erfuhr ich, dass es für mich auch ein Leben ohne Depression geben könnte. Ja, noch mehr, ich hatte doch tatsächlich Humor. Diese Charaktereigenschaft war für mich und meine Lieben völlig unbekannt und überraschend. Und ich lernte, dass es sich lohnt, in meinem persönlichen Umfeld wirklich allen mir schadenden Stoffen konsequent aus dem Weg zu gehen.

Ich habe mir mittlerweile in mühsamer Detektivarbeit ein schadstofffreies Umfeld geschaffen, so dass es mir zu Hause meist ganz gut geht. Ok, es ist weit weg von einer „normalen“ Leistungsfähigkeit, aber ich bin zufrieden. Und unter meinen alltäglichen Umständen ist Suizid kein Thema mehr für mich.

Wenn es jedoch Therapiephasen zur Entgiftung meines Körpers braucht, was bei einer genetisch bedingten verringerten Entgiftungsfähigkeit immer wieder der Fall ist, breitet sich innerhalb von einzwei Stunden diese schwarze dunkle Wolke der Depression in mir aus und bleibt uneingeladen und ungefragt einige Tage bis Wochen. Dann finde ich dieses Aushalten der Depression und der Erschöpfung schon auf dem Rückweg von der notwendigen Infusionstherapie nur noch schrecklich mühsam. Dann bin ich auch auf anderer Ebene so unsagbar müde. Müde des Kampfes. Müde des Durchhaltens. Müde des Mich-an-schöne-Tage-Erinnerns. Immer wieder dachte ich unter der ICE-Brücke deshalb: „Ja, mich von dort oben hinunterstürzen. Das wäre die Lösung. Dann wäre mein Leiden endlich zu Ende.“ Aber… mir fehlte einfach die Kraft, um die Böschung hochzulaufen und bis in die Mitte der Brücke zu gehen.

 

Gründe, warum ich noch lebe

Bis heute habe ich meine Suizid-Gedanken nicht in die Tat umgesetzt. Dafür gibt es aus meiner Sicht mehrere Gründe.

Erstens: Ich hatte keine Kraft dazu. Weder die geistige Kraft mich mit der Umsetzung meiner Gedanken intensiv zu befassen. Noch die körperliche Kraft, meinen Entschluss in die Tat umzusetzen. ob ich schlussendlich emotional überhaupt in der Lage dazu gewesen wäre? Ich weiß es nicht.

Zweitens: Weil ich mit meinem Liebsten über meine Gedanken reden konnte. Das war nicht einfach, stoß natürlich auch auf Widerstand. Aber es war möglich. Und dieses Darüber-mal-Reden-können, hat bewirkt, dass ich mich angenommen fühlte. Irgendwie richtig mit meinem Wunsch nach Beendigung meines Leidens. Auch seine Interventionen, wenn ich mal wieder den inneren Film hatte, eine Last zu sein, waren sehr hilfreich. Er meint dazu: „Es geht nicht um das TUN, sondern nur um das SEIN. Also brauchst du nichts machen zu können. Dass du da bist, ist genug.“ Wie befreiend diese Worte waren und immer noch sind.

Drittens: Weil ich neben der Zeit mit meinem Liebsten auch Zeit mit unseren Kindern verbringen wollte. Ihnen beim Blödsinnmachen zusehen, manchmal auch ein wenig mitmachen und miteinander lachen. Ihnen beim Aufwachsen zusehen und sie unterstützen soweit es mir möglich war. Einfach: eine Familie sein. Geborgenheit geben und spüren. Füreinander da sein.

Viertens: Den emotionalen Rückhalt von Freunden. Durch E-Mails, Skypen, verschiedenen Messenger. Freunde, die mich Teilhaben-Lassen an dem Leben draußen und ein offenes Ohr haben für mein Leben drinnen. Ebenso der Kontakt zu anderen Betroffenen, die meine emotionale Lage an schlechten Tagen ohne große Worte aus eigener Erfahrung verstehen. Und sich bei einem kleinen Erfolg vorbehaltlos mit mir freuen.

Fünftens: Weil ich es gelernt habe, trotz meiner manchmal sehr engen Rahmenbedingungen, dennoch Lebensfreude zu empfinden. Um mich an solche Momente der Freude erinnern zu können, habe ich begonnen Fotos zu machen. Es hilft mir sehr, diese zu betrachten, wenn ich mal wieder einen depressiven Schub habe.

Sechstens: Weil ich mir durch regelmäßige Meditation eine innere Stärke und Gelassenheit erarbeitet habe, die mich schwierige Situationen leichter aushalten lässt. Ich identifiziere mich nicht sofort mit meiner Depression, sondern beobachte, dass sie da ist. Es gelingt mir dann eher, bewusst etwas für meine Lebensfreude zu tun. Oder aus der Situation sofort rauszugehen, wenn ich einen für mich schädlichen Stoff als Auslöser vermute. Oder mich schlicht und einfach für eine Ablenkung zu entscheiden, bis sie wieder weg ist. Das ist eine bewährte Methode bei der Entgiftungstherapie.

Heute bin ich froh, dass ich meine Gedanken nicht in die Tat umgesetzt habe. Aber der Gedanke an Suizid ist nicht vollständig verschwunden. Er ist meine Hintertür. Denn ich weiß nicht, wie sich mein gesundheitlicher Zustand verändern wird. Was, wenn er sich verschlechtert? Womöglich dramatisch? Werde ich mit einer Verschlechterung umgehen können? Kann ich ihr weiterhin mit Gelassenheit begegnen? Meinen inneren Frieden mit der Situation finden? Oder wird die dunkle schwarze Wolke in mir inkl. der anderen unangenehmen körperlichen Reaktionen ein Dauerzustand sein?

 

Nimm dir Zeit, sprich an, hör zu – gib Hoffnung

Ich habe größten Respekt und volles Verständnis für Menschen, die den Suizid als einzigen Ausweg für sich betrachten. Lasst uns nicht über sie urteilen, sondern in Nachhinein respektvoll ihre Wahl anerkennen. Der Freitod ist keine einfache Wahl. Das innere Leiden ist enorm, wenn ein Mensch diesen Schritt für sich wählt. Egal ob es sich, wie bei mir, um ein körperliches und/oder psychisches Leiden handelt. Es ist ihre Entscheidung. Ihre Freiheit. Vielleicht die einzige Freiheit, die sie noch spüren können.

Wenn wir aber merken, dass ein Mensch sich mit Suizid-Gedanken beschäftigt, dann hilft es möglicherweise, wenn wir uns Zeit nehmen, es ansprechen, zuhören und Hoffnung geben. Das könnte – wie bei mir – der Moment sein, der zeigt, dass das Leben auch schöne Seiten hat. Und es sich vielleicht doch lohnt, durchzuhalten, dranzubleiben, weiter an sich zu arbeiten.

 

Inspiriert von einem Blogpost von @verbockt.


Geschrieben anlässlich des Welttages für Suizidprävention am 10. September.

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