Und plötzlich ist da diese Leere

Gestern verstarb die Schulfreundin S. meiner Mutter. Krebs, diese schreckliche Krankheit hat schon wieder einen Menschen mit sich genommen. Auch wenn es abzusehen war, dass S. sterben würde. Diese Endgültigkeit, dieses definitive Fehlen eines mir lieben Menschen geht mir nahe. Sehr nahe. Ich bin so froh, dass ich einen Abschiedsbrief schreiben konnte. Und ihr Sohn ihn ihr vorgelesen hat.

Ich wundere mich selbst über die Intensität meiner Gefühle. Die Tränen laufen sobald ich zur Ruhe komme und mich nicht ablenke. Die kleine Barbara in mir fühlt sich haltlos. Es ist kein Verlassenheitsgefühl. Es ist als würde mir ein sicherer Anker genommen worden sein. Aus meiner erwachsenen Perspektive völlig überzogen – habe ich sie und ihre Familie doch in den letzten Jahren nicht gesehen und so gut wie keinen Kontakt gehabt. Ja, auch weil ich es aus gesundheitlichen Gründen nicht konnte. Und dennoch.

Ich trauere. Ich trauere um… Ja, um was eigentlich? Ich verstehe mich selbst nicht. Bei S. habe ich mich in dem Abschiedsbrief für die Herzlichkeit, die Verbundenheit und den Zusammenhalt bedankt. Alles Qualitäten, die ich wohl als Kind schon wahrgenommen habe. Und die ich in meiner eigenen Familie vermisst habe. Tief in mir vermisst. Tief in mir vergraben. So dass ich es viele Jahrzehnte selbst nicht gespürt habe.

Im Grunde mich selbst nicht gespürt habe. Langsam kehrten in den letzten Monaten meine Gefühle zurück. Hart erarbeitet. Wirklich hart erarbeitet. Sie sind überraschend. Oft auch überfordernd. Und ganz schnell stellt mein System die Gefühle wieder ab, wenn es zu intensiv wird. Dann ist da plötzlich wieder diese Leere. Eine Leere, die viele Jahre zu mir gehörte. Die mich heute irritiert. Und im Rückblick trauern lässt über so viele verlorene Jahre.

Auch meine Erkrankungen sorgten dafür, dass ich keine Gefühle in mir wahrgenommen habe. Das hat mir beim Überleben geholfen. Schlicht und einfach. Aber dennoch habe ich gelitten. Sehr. Still und leise. Seit es mir gesundheitlich etwas besser geht, merke ich das erst so richtig. Werden diese Gefühle klar und deutlich in mir. MCS (Multiple Chemical Sensitivity) zieht sehr große Einschränkungen nach sich. Aber wenn ich allen Schadstoffen ausweiche, kann ich dennoch ein gutes Leben führen. Mit Kreativität umgehe ich auch die zwangsläufige Isolation. ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis/Chronic Fatigue Syndrom) dagegen geht an die Substanz. Überhaupt keine Kraft zu haben. Alles als anstrengend zu empfinden. Den Weg zur Toilette körperlich als Marathonlauf zu empfinden. Oder sich zwischen Duschen und Frühstücken wegen akutem Kraftmangel entscheiden zu müssen. All das ließ mich tief in mir leiden.

Ich konnte und wollte diese Gefühle nicht fühlen. Ich denke, es hätte mich umgebracht. Ich war im Überlebensmodus. Diese Leere hat mir mein Überleben gesichert. Ja, das stimmt. Und gleichzeitig wurde mir immer mehr klar, dass ich auch die schönen Gefühle nicht zuließ. Nicht umsonst heißt mein Lebensmotto mittlerweile: Pure Freude leben. Wenn ich meine Freude intensiv lebe, werde ich auch Traurigkeit oder andere Gefühle intensiv erleben. Im Grunde ist es also ein Gewinn, die Traurigkeit in dieser Intensität zu spüren. Ich habe mittlerweile so viel Kraft, dass mich die Intensität nicht wegspült. Ich kann auch dafür sorgen, dass ich mich in einem geschützten Raum meinen Gefühlen hingeben kann. Und wenn ich Leere in mir wahrnehme, ist es ein deutliches Zeichen, dass ich mir diesen Raum schaffen sollte. Um die Gefühle frei fließen lassen zu können. Denn dann verändern sie sich von selbst wieder. Nach der Traurigkeit kann dann auch wieder die Freude kommen. So wie nach der Nacht die Sonne aufgeht oder dem Winter ein Frühling folgt.

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