Funktionieren

Ich funktioniere nicht mehr.

Das habe ich in den letzten Jahren immer wieder von mir gedacht. Körper und Seele sind krank und die vielen Anforderungen oder Erwartungen an mich sind eigentlich nicht zu erfüllen. Nur mit meiner ausgeprägten Disziplin habe ich dennoch funktioniert. Meinen Haushalt erledigt, mich um die Kids gekümmert, Minijob gemacht, Klienten beraten, mich um meine Gesundheit gekümmert – oder besser gesagt, dass es mir nicht noch schlechter geht. Der Grundtenor in mir war jedoch: Ich schaffe das nicht. Weil: es ist alles so unglaublich anstrengend. Also schon rein körperlich gesehen. Denn mir fehlte ja nun auch immer wieder einfach die Kraft, um Treppen hoch oder 50 Meter weit zu laufen.

Meine Seele weinte in den letzten Tagen. Und das erste Mal in meinem Leben, erlaubte ich mir, NICHT zu funktionieren. Mich NICHT aufzuraffen, sondern stattdessen nur auf dem Sofa rumzuliegen. Schlechte Filme im Fernsehen anschauen, ein bisschen lesen – es war mir alles egal. Ich WOLLTE einfach nicht mehr funktionieren! Und ich hatte KEIN schlechtes Gewissen dabei. Endlich mal nicht die Erwartungen erfüllen. Erwartungen, die ich in mir spüre. Denn rein kräftemäßig hätte ich sehr wohl etwas tun können.

Es ist so ein großer Unterschied, ob ich die Küche staubsauge, weil ICH es WILL oder weil ich in mir eine Erwartung spüre, dass ich das tun sollte. Ob ich Kerzen auf den Tisch stelle, weil ICH es WILL oder weil eine gute Hausfrau ja schließlich auch für eine angemessene Weihnachtsdekoration sorgt. Ob ich Kontakt habe, weil ICH es WILL oder weil ich denke, dass es von mir erwartet wird.

Für wen habe ich denn all die Jahre funktioniert? Für mich? Wenn ich ehrlich bin, nein, nicht für mich. Sondern immer für andere Menschen. Aber nie für mich. Und wozu? Wozu das Funktionieren? Ich wollte mir einen Platz in der Gemeinschaft erarbeiten. Es ist wie eine Daseins-Berechtigung. Meine Daseins-Berechtigung.

Was bedeutet „funktionieren“ eigentlich? Der Duden sagt dazu: intakt sein und durch Zusammenwirken bestimmter [technischer] Vorgänge die Funktion erfüllen bzw. (umgangssprachlich) sich bestimmten Normen entsprechend angepasst verhalten. Aber sind das meine Normen, an die ich mich da halte? Will ich mich anpassen? An was und an wen? Und wozu? Dieser eindimensionale Blick nach außen, dieses unhinterfragte Erfüllen von (gesellschaftlichen) Normen setzt mich unter Druck. Immensen Druck. Denn immer lauert um die Ecke das Gefühl, wieder nicht genügt zu haben. Nicht zufrieden sein zu dürfen, mit dem was ist.

Ich WILL NICHT mehr FUNKTIONIEREN.

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