Eine Welle der Unsicherheit

12. Dezember 2017 Allgemein

Ich hatte so große Angst vor meinem Aufenthalt im Gemeinschaftskrankenhaus in Bonn zur Abklärung des Verdachts auf eine Mastzellaktivierungserkrankung. Und das hatte nichts mit der Diagnose an sich zu tun. Sondern mit den Rahmenbedingungen.

Ein Aufenthalt in einem Krankenhaus bedeutet für mich eine ständige Konfrontation mit Stoffe, auf die mein Körper mit Entzündungen reagiert. Also Ausdünstungen aus Baustoffen, Desinfektionsmittel, Reinigungsmittel und die Duftstoffe aus Kleidung und Hygienemittel anderer Menschen. Es war also klar, dass ich nur mit konsequentem Einsatz meiner Atemschutzmaske diese 2-3 Tage ohne eine Verschlechterung meines Gesamtzustandes durchstehen würde. Ja, das ist eine lange Zeit, es ist auch unangenehm auf Dauer diese Maske zu tragen, aber es ist machbar. #Trainingslager Atemschutzmaske habe ich es für mich benannt. Als Motivationshilfe. Außerdem habe ich eine wirklich gute Atemschutzmaske. Und im Umgang mit den vielfältigen Reaktionen der Mitmenschen auf die Maske bin ich geübt.

Warum also hatte ich so große Angst? Was zog mir so dermaßen den Boden unter den Füßen weg? Es ging um das Thema Sicherheit. Bei mir zu Hause habe ich die Sicherheit, dass meine Umgebung schadstofffrei ist. Das beruhigt und gibt mir einen gewissen Bewegungsspielraum. Im Krankenhaus fällt diese Sicherheit im Außen weg. Daher wurde ich auf das Gefühl der Sicherheit in mir selbst zurückgeworfen. Und da fand ich nicht besonders viel.

Woraus beziehe ich eigentlich mein Sicherheitsgefühl? Ich ziehe Sicherheit aus meiner gewohnten und schadstofffreien Umgebung. Aus meiner Tagesstruktur und aus meiner To-Do-Liste. Aus Routineabläufen bei Haushaltstätigkeiten. Aus den nährenden Kontakten zu Freunden und Bekannten. Ja, alles schön und gut, aber es ist nur die Oberfläche. Ich will tiefer gehen, es – mich – besser verstehen.

Warum ziehe ich Sicherheit aus einer gewohnten, schadstofffreien Umgebung?

Mein Körper ist leistungsfähiger. Ich kann machen, was ich gerne möchte. So macht mir mein Leben einfach mehr Freude.

Warum ziehe ich Sicherheit aus meiner Tagesstruktur und aus meiner To-Do-Liste?

Entspannung fällt mir immer noch schwer. Meine Hände sind gerne beschäftigt. Ein paar Punkte einer To-Do-Liste zu erfüllen, gibt mir ein Gefühl der Sinnhaftigkeit in meinem Leben.

Warum ziehe ich Sicherheit aus Routineabläufen bei Haushaltstätigkeiten?

Meistens kann ich diese eher einfachen Tätigkeiten auch dann noch durchführen, wenn es mir schlechter geht. Solange sie nicht zu anstrengend sind. Wenn die Entzündungen in meinem Körper aufgrund einer Exposition allerdings mein Gehirn betreffen, fällt mir auch das schwer. So verwechsele ich beispielsweise die Abläufe beim Kochen. Einen Post schreiben ist an solchen Tagen unmöglich, weil ich schlichtweg keinen klaren Gedanken fassen kann. Geschweige denn mich sprachlich angemessen ausdrücken. Einfache und leichte Haushaltstätigkeiten beruhigen mich ansonsten aber. Sie bringen Ordnung in mein äußeres Umfeld und diese Struktur wirkt dann auf meine innere Struktur unterstützend zurück.

Warum ziehe ich Sicherheit aus den nährenden Kontakten zu Freunden und Bekannten?

Mein Netzwerk anderer Erkrankter versteht mich einfach aus eigener Erfahrung. Da muss ich nicht viel erklären. Dieses Mich-Angenommen-Fühlen entlastet mich sehr. Das Gefühl zu haben, dass es Menschen gibt, die mich unterstützen, wenn es mir schlecht geht, ist immens wichtig. Gerade wenn die eigene Gesundheit so zerbrechlich ist.

Mir fehlt meine innere Sicherheit, weil ich mich auf meinen Körper nicht mehr uneingeschränkt verlassen kann. Es ist immer wieder so unsicher, ob er dies oder das noch tun kann oder „einfach“ seinen Dienst einstellt. Das beunruhigt mich immer wieder sehr. Vielleicht ist deshalb auch die Suche nach der äußeren Sicherheit so wichtig für mich geworden. Je mehr äußere Sicherheit ich habe, umso unwahrscheinlicher ist die drohende Gefahr eines Ohnmachtsgefühls. Ich möchte mich nicht mehr hilflos fühlen in meinem Leben. Nicht mehr irgendetwas aushalten müssen, hilflos, ohnmächtig. Sondern ich möchte mein Leben aktiv gestalten können.

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