Körperliche Bestandsaufnahme 1b: Seelische Gesundheit

4. April 2018 Allgemein

Vor einigen Jahren, als ich die Vermeidung der chemischen, physikalischen und körperlichen Auslöser schon einigermaßen im Griff hatte, wand ich mich bewusst den psychischen Auslösern zu. Ich wollte den inneren Druck loswerden. Immer war ich angespannt. Oft traurig, ängstlich, hoffnungslos. Ich habe wirklich viel mit mir gearbeitet, der Weg war steinig und dennoch will ich nicht Vergangenes betrachten, sondern eine aktuelle Bestandaufnahme machen.

Ich leide immer wieder stark unter Einsamkeit. Auch wenn es mir körperlich gut geht. Dass bestimmte Stoffe, wie Schimmelpilze oder Vollkornreis eine Depression bei mir auslösen, habe ich im Laufe der Jahre erkannt. Wenn ich wirklich allen Stoffen aus dem Weg gehe, führe ich ein sehr einsames Leben. Obwohl ich verheiratet bin und meine bald erwachsenen (Stief-)Kinder regelmäßig sehe. Der sicherste Kontakt mit FreundInnen ist über das Internet. Dann gefährden mich keine Duftstoffe. Aber es ist für mich einfach nicht das Gleiche, ob mir der Gesprächspartner direkt gegenüber sitzt oder nicht. Sich anfassen können, die körperliche Nähe des anderen spüren – das Medium Internet befriedigt dieses Bedürfnis nicht.

Nicht eingebunden zu sein in einer Gemeinschaft, ist schwer für mich. Kein Team auf der Arbeit, keine Treffen mit ein paar Freundinnen, kein VHS- oder Yoga-Kurs. Mich Willkommen-Fühlen durch ein Strahlen in den Augen, weil ich da bin und mitmache – bei was auch immer. Ich war früher ein Mensch, der gerne Gesellschaft um sich hatte. War engagiert in unterschiedlichsten Zusammenhängen, aber immer im Team. Nun bin ich schon über 7 Jahre aus dem Berufsleben ausgeschieden. Langsam merke ich, wie ich es verlerne, mit mehreren anderen Menschen zurechtzukommen. Das überfordert mich schnell. Ich bin langsam geworden. Leise auch. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass es Menschen gibt, die meine Meinung interessiert. Was soll ich schon zu sagen haben? Dieses Denken lässt mich verstummen. Verstummen ist allerdings nicht förderlich, um der Einsamkeit entgegen zu wirken.

Wenn es mir körperlich sehr schlecht geht, werte ich mich ab. In mir spricht es dann: „Du bist zu nichts nutze. Du liegst deiner Familie und der Gesellschaft auf der Tasche. Du kannst nichts. Du bist nichts. Du wirst auch nichts mehr werden.“ Wieso sollte ich also meine Meinung sagen? Politische Themen sind in akuten Krankheitsphasen zu komplex für mich, an Smalltalk bin ich nicht mehr interessiert. Wozu soll ich meine geringen Kraftressourcen dafür vergeuden?! Ich zweifle an meinem Selbstwert. Ich schaffe es nicht, mir selbst Anerkennung für meine Hausarbeit zu geben. Noch nie wollte ich „nur“ Hausfrau sein. Nicht falsch verstehen, es gibt Menschen, die Hausarbeit und Familienmanagement lieben. Ich eben nicht. Ich habe immer sehr gerne gearbeitet, habe zwei Studiengänge abgeschlossen, mich nebenbei weitergebildet – und all das Wissen liegt brach. Fenster putzen versus systemische Beratung durchführen. Das frustriert mich zutiefst.

Die Perspektivlosigkeit, die mein unheilbarer Gesundheitszustand mit sich bringt, zieht mir regelmäßig den Boden unter den Füßen weg. Ich kann mich einfach nicht daran gewöhnen. Ich habe Angst vor der Zukunft. Subtil meist, aber sie ist da. Mein Zustand ist so zerbrechlich. Das spüre ich jeden verdammten Tag. Angst vor der Verschlechterung meiner Symptome, aber ich glaube, ich habe am meisten Angst, wenn mein Gehirn nicht mehr so arbeitet, wie ich das gewohnt bin. Es gibt Tage, an denen bin ich zu erschöpft, um selbst solche Sätze schreiben zu können. An denen ich so unglaublich vergesslich bin.

Neben diesen durch die Erkrankungen hervorgerufenen seelischen Schwierigkeiten, gibt es „Altlasten“ in Form von verschiedenen Traumata. Mein bevorzugtes Reaktionsmuster bei einer auslösenden Situation (z.B. es wird eine Tür laut zugemacht) ist die Erstarrung. Wenn ich achtsam bin, bemerke ich es. Gelingt mir das nicht, dauert es Stunden bis Tage bis es mir auffällt oder ich bekomme einen Tipp. In der Erstarrung ist das Thema Selbstfürsorge in Bezug auf die anderen Auslöser natürlich auch sehr viel schwieriger. Was wiederrum für mehr körperliche Reaktionen sorgt. Die vielen verschiedenen Situationen herauszufinden, welche Triggerpotential für mich beinhalten, ist noch nicht abgeschlossen, aber ich bin auf einem guten Weg. Wenn ich angetriggert bin, ist mein seelischer Zustand alles andere als ausgeglichen. Es ist belastend. Sehr. Für mich. Meinen Körper. Meine Familie.

Es klingt alles so strukturiert. Aber in Wirklichkeit ist es das nicht. Ich fange erst an, meine Gefühle wirklich zuzulassen. Nicht innerlich vor dem Gefühl davon zu laufen. Beispielsweise die Einsamkeit stattdessen in mich aufzunehmen mit dem Einatmen und mit dem Ausatmen in mir zu erlösen. Das ist die Grundstruktur der Tonglen-Meditation. Wenn ich sie morgens machen, passiert es, dass ich weinend auf meinem Kissen sitze. Aber auch tagsüber will ich meine Gefühle mehr fühlen. Pausen machen, um zu spüren, was in mir vor geht. Langsam durch den Tag gleiten, um zu spüren, was in mir vor geht. Achtsam und bewusst. Am besten den ganzen Tag.

Manche Gefühle sind schwer zu ertragen. Wirklich schwer. Sie stürzen mich in Verzweiflung und tiefe Traurigkeit über die vielen verlorenen Jahre. Wie viel Ablenkung ist hilfreich und sinnvoll, um in den negativen Gefühlen nicht zu ertrinken? Wie gelingt es mir, den Fokus nicht auf dem negativen Gefühl festzustellen und trotzdem das Gefühl nicht zu verdrängen? Wie sorge ich dafür, dass ich trotz allem Schmerz stabil bleibe?

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