Renovierung

5. Dezember 2018 Allgemein

Das Haus, in dem ich im Sommer eingezogen bin, wird renoviert. Tapezieren, Streichen innen und außen, Möbel aufbauen oder neu bauen, Garten umgestalten, die Arbeit hört nicht auf. Kisten stapeln sich nach wie vor im Keller und im Dachboden, der Gartenschuppen, die Werkstatt, die Garage… überall wollen die Sachen gesichtet, geprüft, eingeräumt oder doch endgültig weggeschmissen werden. So ist das auch mit meinem Innenleben.

Mit dem Umzug in ein anderes Bundesland habe ich endlich auch meine längst überfällige dritte Psychotherapie begonnen. Nachdem ich die obligatorischen fünf probatorischen Sitzungen hinter mich gebracht habe und mit der Wahl meiner extra ausgesuchten EMDR-Therapeutin sehr zufrieden bin, geht es nun ans Eingemachte. Auf Nachfrage erhielt ich meine vorläufige Diagnose:

Komplexe Posttraumatische Belastungstörung

Erleichternd und erschreckend. Aber darum soll es hier gerade gar nicht gehen. Was mich (mal wieder) beschäftigt ist: Wer bin ich? In meiner Vergangenheit habe ich ein Schocktrauma gleich nach der Geburt erlebt. In den darauf folgenden Jahren die gleiche Untersuchung mehrmals und in meiner Vorstellung wurde das erste Trauma damit immer wieder verstärkt. Wer bin ich also hinter oder unter der Erstarrungsreaktion? Die einzige Reaktion, die mir damals als Baby zum Überleben blieb? Wer ist diese Frau, die da fühlt, wenn sie etwas fühlt und nicht vorsichtshalber alle Gefühle abschaltet?

Da ich mich innerlich sozusagen ebenfalls renoviere, möchte ich hier in diesen Blog wieder öfter meine Gedanken aufschreiben. Meine Gedanken und Gefühle dadurch zum Fließen bringen. Ich habe genug davon, dass mir die Worte im Hals stecken bleiben. Ich vor Scham schweige. Auch nur eine Art Erstarrung. Obwohl das Fließen mir Angst macht. Weil ich es aus eigener Erfahrung so gut wie nicht kenne. Das ist so lebendig. Für mich ist das bedrohlich. Es ist mir immer noch unbegreiflich, dass ich mein Leben gestalten kann. Selbst gestalten kann. Dass ich mir aussuchen kann, was ich um mich haben will. Dass ich mich z.B. für Schönheit entscheiden kann, weil ich es so haben will. Ich habe mich mein Leben lang angepasst. Mich auch passend gemacht. Denn dadurch habe ich damals überlebt und wusste es einfach nicht besser. Es kommt mir nicht in den Sinn, dass das Leben anders gedacht sein könnte. Immer wieder stehe ich an dieser Stelle. Es ist nichts Neues und dennoch jedesmal wieder neu und erschreckend. Ich mag den Film „Heute bin ich blond“ deshalb so gerne, weil ich manchmal auch einfach mehrere Perücken besitzen will, damit ich eine andere sein kann. Mich so ausprobieren kann. Um herauszufinden, was zu mir passt und dadurch vielleicht eine Antwort auf diese bohrende Frage „Wer bin ich?“ zu bekommen.

Um mich zu fokussieren, habe ich das Design meines Blogs verändert. Erst damit ist es mir möglich, wieder zu schreiben. Das frühere Design fühlte sich so unpassend an. Wie ein Kleidungsstück, dass zwar noch gut ist, aber doch aus irgendeinem Grund nicht mehr zu mir passt. Das neue Design ist klarer für mich. Bewusst ohne viele Bilder. Schwarz. Weiß. Grautöne. Ich hoffe, diese Reduzierung hilft mir, dass ich leichter in mich reinspüren kann beim Schreiben. Die Gefühle aufsteigen lassen kann, die nach außen wollen. Keine Ablenkung durch Bilder oder andere bunte Elemente. Bewusst auf das Wesentliche reduziert. Das Wort. Die leeren Stellen zwischen den einzelnen Buchstaben.

Nur das derzeit wichtigste Bild ist auf den ersten Blick zu sehen:

Ich danke dir von Herzen, lieber Marcel, für dieses grandiose Foto!

Obwohl ich aus gesundheitlichen Gründen „nur“ ein selbstgemachtes Henna-Tattoo trage, fotografierte Marcel Dykiert mich für sein Projekt „Ink: a drug“. Jedes Bild ein Kunstwerk. Reinschauen lohnt sich.

Überlebende. Ich bin ein Überlebende. Das ist mal sicher. Aber reicht das als Antwort auf die Frage: wer bin ich?

 

 

 

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