Begriff Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung (kPTBS)

8. Februar 2019 Allgemein

Die Posttraumatische Belastungsreaktion entsteht laut ICD-10

„…als eine verzögerte oder protrahierte Reaktion auf ein belastendes Ereignis oder eine Situation kürzerer oder längerer Dauer, mit außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigem Ausmaß, die bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde. […] Der Beginn folgt dem Trauma mit einer Latenz, die wenige Wochen bis Monate dauern kann. Der Verlauf ist wechselhaft, in der Mehrzahl der Fälle kann jedoch eine Heilung erwartet werden. In wenigen Fällen nimmt die Störung über viele Jahre einen chronischen Verlauf und geht dann in eine andauernde Persönlichkeitsänderung über.“

Das amerikanische System DSM-IV-TR sieht die Kriterien für Trauma erfüllt, wenn die folgenden Aspekte gleichzeitg vorliegen:

„1. Die Person erfuhr, beobachtete oder war konfrontiert mit einem oder mehreren Ereignissen, die tatsächlichen oder drohenden Tod, tatsächliche oder drohende ernsthafte Körperverletzung oder eine Bedrohung der körperlichen Unversehrtheit von einem selbst oder Anderen einschloss.

2. Die Reaktion der Person schloss starke Angst, Hilflosigkeit oder Grauen ein.“

Typische Ereignisse für ein Schocktrauma sind Naturkatastrophen (z.B. Tsunami oder Vulkanausbruch) oder andere durch Menschen verursachte Katastrophen (z.B. Einsturz einer Brücke), Kampfhandlungen, ein schwerer Unfall, Zeuge des gewaltsamen Todes anderer Personen oder selbst Opfer werden von Folterung, Terrorismus, Vergewaltigung oder anderer schwerer Verbrechen.

Laut Peter Levine entsteht ein Trauma jedoch im Nervensystem und nicht im Ereignis. Das Ereignis ist zu plötzlich, zu schnell und zu massiv für eine Person. Daher können auch Operationen oder Narkosen traumatisierend wirken, ebenso wie Trennungen, ärztliche Untersuchungen, zahnärztlich Behandlungen, Mobbing, leichte Autounfälle, extrem schlechte Nachrichten usw. Viele Situationen könnten erst einmal als Stress bezeichnet werden. Erst wenn die persönlichen Bewältigungsstrategien völlig überfordert sind, wird der Stress zum Trauma.

Die klassischen Symptome einer PTBS sind:

  1. Flashbacks: Spontan auftretendes teils fragmentiertes Erinnern in Form von Bildern oder Albträumen durch Worte, Gestik, Gerüche, Geräusche, Gefühle usw. Es ist so als würde die Erinnerung „gerade jetzt“ passieren.
  2. Vermeidungsverhalten: Orte, Situationen oder auch Umstände, die an das Trauma erinnnern könnten oder dieses wieder auslösen („triggern“), werden vermieden.
  3. Erinnerungslücken: Einzelne Aspekte oder das komplette traumatische Ereignis werden nicht mehr erinnert.
  4. Hyperarousal: Es zeigt sich ein erhöhtes Erregungsniveau, z.B. in Form von Schlafstörungen, Reizbarkeit, Schreckhaftigkeit, Wutausbrüchen, Überwachheit (Hypervigilanz) – ständig auf der Hut sein müssen, Zittern, Ängste, Konzentrationsstörungen.
  5. Emotionale Taubheit: Entfremdungsgefühl gegenüber sich selbst, den Menschen, der Umwelt.

Nun gibt es allerdings Menschen, die nicht „nur“ ein Schocktrauma erlebt haben, was der klassische Fall für eine Posttraumatische Belastungsstörung ist. Die Mehrzahl der Menschen hat nicht ein einzelnes, klar umschriebenes traumatisches Ereignis erlebt, sondern sie wurden beispielsweise schon in der Kindheit Opfer von Gewalt (in sexualisierter und nicht sexualisierter Form) und/oder Vernachlässigung. Aber auch längere Krankenhausaufenthalte, ambulante ärztliche Untersuchungen, langes Warten auf Zuwendung oder Nahrung im Baby- und Kleinkindalter können eine existenzielle Bedrohung darstellen, so dass Entwicklungs- und Bindungsstörungen die Folge sind. Hier ist der Begriff der Komplexen Posttraumatischen Belastungsstörung zutreffend. Folgendes ist typisch für die komplexe PTBS:

  1. „Störung der Gefühlslage
    – ständig wechselnde Gefühlszustände
    – Schwierigkeit, mit Ärger umzugehen
    – selbstzerstörendes und suizidales Verhalten
    – Schwierigkeiten, sexuelles Kontaktverhalten angemessen zu gestalten
    – impulsive und risikoreiche Verhaltensweisen
  2. Störung von Aufmerksamkeit und Bewusstsein
    – Erinnerungslücken und/oder -verlust
    – Dissoziation
  3. Somatisierungen
  4. Chronische Veränderungen der Persönlichkeit
    – Veränderung der Selbstwahrnehmung: chronische Schuldgefühle; Selbstvorwürfe; Gefühle, nichts bewirken zu können oder Gefühl, für immer geschädigt zu sein
    – Veränderung der Wahrnehmung des Täters: verzerrte Einstellung und ideele Sicherung des Täters
    – Veränderungen der Beziehungen zu anderen Menschen: Probleme, zu vertreuen und Beziehungen aufrechtzuerhalten; Probleme erneute Retraumatisierungen zu vermeiden; Tendenz, andere zum Opfer zu machen
  5. Veränderungen im Wertesystem
    – Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit
    – Verlust der bisherigen Lebensüberzeugungen“

Quellen:
1. Artikel über PTBS und KPTBS in Wikipedia
2. Trauma verstehen von Dami Charf und Luisa Duvenbeck
3. Informationsblatt meiner Therapeutin

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