„Dann ist halt dein Gefühl falsch“

15. Januar 2019 Allgemein

sagte mein Gegenüber zu mir. Nur weil ich eine andere Meinung hatte als er. Meine Meinung. Meine innere Wahrheit. Ich war damals Mitte Zwanzig und hatte all meinen Mut zusammen genommen, um überhaupt über ein für mich schwieriges Thema aus der Kindheit mit ihm zu sprechen.

„Dann ist halt dein Gefühl falsch.“ Dieser Satz hat sich in mir festgefressen. Er ist damals auf fruchtbaren Boden gefallen. „Dann ist halt dein Gefühl falsch“, das ist der Satz, den meine Therapeutin aus meinen Erzählungen der letzten vier Wochen rausgegriffen hat. „Wollen Sie blöde Sätze auflösen?“, fragte sie mich. Es war nicht der einzige.

Wie soll ich Entscheidungen treffen, wenn ich zum einen oft keinen Zuagng zu meinem Gefühl habe, da ich mich von meinen Gefühlen abgespalten habe? Wie weiss ich dann, was mir gefällt und was nicht, wenn ich den Unterschied nicht fühle? Es ist für mich eine Frage meines Entspannungszustandes. Denn wenn ich innerhalb meines „windows of tolerance“ bin, kann ich sehr wohl fühlen. Bei der Bennenung von Gefühlen übe ich und ich finde immer öfter passende Worte für meinen inneren Zustand.

Aber dann kommt der Zweifel. Leider. Durch den damaligen Satz: „Dann ist halt dein Gefühl falsch“. Ich bin manchmal so verunsichert, weil sofort der Zweifel da ist. Traue mir selbst nicht, sondern mache einen Rückzieher. Gefühle sind ja bekanntlich nichts Statisches, sie verändern sich. Und ich frage mich einerseits „habe ich das wirklich so gefühlt?“ und andererseits „ist es das richtige Gefühl?“

In der Therapie durfte ich den Satz durchstempeln mit dem Begriff „ÜBERBEWERTET“. In rot. Hat das gut getan!

Nur, wenn dieser Satz nicht stimmt, welcher denn dann? Mein Verstand hatte schnell eine Antwort: Mein Gefühl ist MEINE innere Wahrheit und daher IMMER richtig.

Klingt gut. Oder? Mein Kopf sagt ja. Mein Gefühl sagt: das stimmt nicht. Der Satz „Dann ist halt dein Geühl falsch“ sei der richtige Satz. Der andere ist falsch. Halloooo? Wie komme ich denn aus dieser Nummer wieder raus?

Ich habe mit Hilfe meines Gefühls in mir – vielleicht auch eher der Achtsamkeit meiner Körperempfindungen folgend – dennoch einen Satz gefunden. Er lautet:

Mein Gefühl ist.

Ohne Bewertung mit richtig oder falsch. Einfach so. Diesen Satz hält mein Gefühl für MÖGLICH. Damit kann ich arbeiten. So entsteht ein Raum, in den sich mein Gefühl entwickeln kann. Und in mir breitete sich in der Therapie und auch in den Tagen danach ein Gefühl von Befreiung und Weite aus. Dieses Gefühl ist. Ich zweifle es nicht an. Was für eine Wohltat.

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