Tipps für Angehörige, Freunde, Partner

13. Februar 2019 Allgemein

Als Reaktion auf meinen letzten Blogpost mit dem Titel „Begriff Komplexe Posttraumatische Belastungssörung (kPTBS) erhielt ich folgende Fragen:

Hast du Tipps für mich, wie ich als Angehörige jemand mit dieser Diagnose begleiten kann?

Was ich konkret tun kann oder lassen sollte?

Wie ich mich verhalten kann?

Da ich mir vorstellen kann, dass die Antworten auch andere Menschen intressieren, hier meine höchst subjektiven Ideen dazu.

Grundsätzlich ist bei einer komplexen Posttraumatischen Belastungsstörung die Stärkung der Selbstregulationsfähigkeit durch unterschiedliche Techniken zur allgemeinen Stabilisierung der betroffenen Person dringend geboten. Erst auf dem Boden einer wiedergewonnen Stabilität ist eine Bearbeitung der traumatischen Situation überhaupt denkbar, ansonsten kommt es sehr leicht zu einer Retraumatisierung und genau das wäre absolut kontraproduktiv. Mit Unterstützung eines guten Traumatherapeuten – ambulant oder stationär – können hier wichtige Fähigkeiten erlernt werden. Der Rest ist stetiges Üben im Alltag.

Als Partner*in, Freund*in oder Angehörige*r ist es sehr wichtig, äußerst wachsam zu sein und zu bleiben. Der Traumatisierte neigt dazu, immer und immer wieder über die tramatische Situation zu reden. Das ist einfach eine mögliche Bewältigungsstrategie. Wichtig ist aber, um einerseits einen gemeinsamen Interaktionsraum zu erhalten, dass die Aufmerksamkeit vom Trauma weggerichtet wird und andererseits eine Retraumatisierung möglichst ausgeschlossen wird. Also den Fokus auf stärkende, entspannende und nährende Erlebnisse richten.

Außerdem sollte der/die Partner*in, Freund*in oder Angehörige*r in Situationen, die das Potential beinhalten, dass das Trauma angetriggert wird, besonders gut bei sich selbst bleiben. Ich finde, dass eine grundsätzlich Vermeidung dieser Situationen nur eine kurzfristige Lösung sein kann. Der Andere ist in der Position das Trauma „mit zu tragen“ und zu „ertragen“. Eine hohe Kompetenz in Selbstmanagement ist hilfreich, denn es wird zwangsläufig z.B. immer wieder zu traumabedingter Zurückweisung und Enttäuschung kommen.Die Verantwortung für ein Leben mit Trauma und dessen Heilung trägt in erster Linie die traumatisierte Person. Das bedeutet, dass sie innerliche Signale in Richtung Traumareaktion während der Interaktion ansprechen muss. Natürlich ist dies nicht einfach, aber mit Hilfe therapeutischer Unterstützung erlernbar.

Das Leben mit einer traumatisierten Person mutet wie ein großes Haus mit vielen Zimmer an. Es gibt nicht nur sehr unterschiedliche Zimmer, sondern in diesem Haus sind überall, eng aneinander und an den unmöglichsten Stellen gespannte Mausefallen aufgestellt. Es ist unmöglich, durch dieses Haus zu gehen, ohne eine Mausefalle auszulösen. Wer die Schuld trägt, dass die Mausefallen dort stehen oder wer sie diesmal ausgelöst hat, sich das zu überlegen ist nicht hilfreich! Es passiert eben. Punkt.

Daher braucht es aus meiner Sicht eine bewusste Hinwendung des Traumatisierten wie auch des Partners, der Freunde oder der Angehörigen zu einer gewollten und aktiven Vergebung. Und zwar für beide Seiten. Der Traumatisierte muss vergeben, dass er durch den Gesprächspartner zwangsläufig immer wieder mit dem Trauma konfrontiert wird, im schlimmsten Falle sogar retraumatisiert wird – auch wenn dieser genau dies eigentlich vermeiden will. Er denkt nämlich hoffentlich (!) nicht ständig an die Verletzungen des Traumatisierten, sondern erhält für sich selbst einen autonomen Lebensraum, in dem das Trauma keine Rolle spielt und sein Verhalten frei ist und bleibt. Der/die Partner*in, Freund*in, Angehörige*r muss dem Traumatisierten vergeben können, dass dieser völlig normale Situationen durch seine Traumareaktionen belastet oder sogar zerstört. Diese zu tragenende und ertragende Last wiegt bisweilen sehr schwer für den/die Partner*in, Freund*in, Angehörige*r und kann gehörig nerven. Dies immer wieder aktiv zu vergeben, ist der beste Garant dafür, dass keiner der beiden Beteiligten beginnt, Rabattmarken zu kleben und die Beziehung an die Wand zu fahren.

Abschließend noch eine Warnung: Die Situation „Leben mit einem Trauma“ ermöglicht es ganz einfach in das Dramadreieck abzurutschen. Der Traumatisierte ist das Opfer. Das Trauma oder der Verursacher des Traumas ist der Täter. Der/die Partner*in, Freund*in, Angehörige*r ist der Retter. Es ist keine Lösung, den Traumatisierten quasi in Watte zu packen bzw. ihn durchgängig zu schützen. So wird lediglich ein dysfunktionales Beziehungsmuster mit weitreichenden Folgen eingerichtet. Eine Begegnung auf Augenhöhe ist dann nicht mehr möglich.

[mit sehr freundlicher und zugewandter
Unterstützung meines Partners verfasst]

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