CN Sexuelle Gewalt – Teil 1 – Die Erfahrung

10. Dezember 2019 Allgemein

Ja, auch ich bin eine Frau, der Gewalt angetan wurde. Sexuelle Gewalt. Von einem Mann. Vor über 25 Jahren. Und es kotzt mich an, dass die Folgen dieser Erfahrung immer noch meinen Alltag beeinflussen. Zu oft auch bestimmen.

Ich will mein Schweigen brechen. Wer mein Buch „Zeitweise lebensmüde“ gelesen hat, weiß, dass es diesen sexuellen Missbrauch gab. Aber ich habe nie über die Details gesprochen. Schon gar nicht über die Gefühle, die dieser Missbrauch in mir auslöste. Die kannte ich ja gar nicht. Alles schön fein säuberlich verdrängt, damit mir ein Weiterleben möglich war. Ein Funktionieren.


Die Erfahrung

Ich war Studentin und wir hatten kurz vor den Sommersemesterferien eine Projektwoche. Statt Vorlesungen gab es ein buntes Angebot von sehr interessanten Workshops und Vorträgen, abends Party und im Prinzip rund um die Uhr sich mit anderen Studierenden mit dem Thema „Welternährung“ beschäftigen. Da ich gerade einen Spanischkurs mit der Superlearningmethode angefangen hatte, interessierte mich der Vortrag zum Thema „Hypnose“ sehr. Der Referent J.D. hielt vormittags zusätzlich einen spannenden und wirklich guten Vortrag über Indien, er war mir sympathisch und er bot während dieses Hypnose-Vortrags seine Hilfe bei gesundheitlichen Themen an. Wir sollten ihn bei Bedarf hinterher einfach ansprechen. Das tat ich. Zusammen mit meiner damaligen besten Freundin. J.D. war tatsächlich hilfsbereit und hatte an diesem Tag keine weiteren Anschlusstermine. Was für ein Glück für mich bzw. uns. Ich organisierte uns allen den Raum nebenan und dort sprachen wir über unsere gesundheitlichen Probleme. J.D. war bereit, uns in einen hypnotischen Zustand zu versetzen und dann im Körper sozusagen eine andere Programmierung zu verankern. Dazu sollten wir uns einfach auf einen Tisch legen, uns von ihm in die Entspannung führen lassen und alles weitere würde seine Arbeit sein.

Gesagt, getan. Vor der Tür konnte ich anfangs noch die anderen Studierenden hören, die vor dem Raum miteinander sprachen und auf den nächste Workshop warteten. Ich selbst war neugierig, hoffnungsvoll und freute mich auf die spätere Party. So glitt ich mit der beruhigenden Stimme von J.D. in einen angenehmen Entspannungszustand. Ich sollte mir vorstellen, wie ich in einer Hängematte liege, sachte schaukel und entspanne. Zur direkten Unterstützung schaukelte mich J.D. an der Hüfte leicht hin und her.

Da die gesundheitlichen Probleme konkret Menstruationsstörungen waren, dachte ich mir nichts dabei als J.D. mich am Bauch anfasste, an den Füßen, an den Schultern. Obwohl das in seinem Vortrag anders war. Dort berührte er die Versuchspersonen am Arm und an der Schulter. Ich ging davon aus, dass er mich auf die gleiche Art und Weise berühren würde – er hatte schließlich nichts anderes eingangs erwähnt. Anfangs war es für mich auch ok, dass er meine Brust anfasste und seine Hand auf meinen Schambereich legte. Meine innere Stimme sagte: „Das ist normal bei deiner Problemstellung. Alles gut.“ Aber als er mit der Hand unter das T-Shirt auf die bloße Haut fasste, verspannte ich mich. Dazu machte er kreisenden Bewegungen. Er glitt mit seiner Hand bis zu meiner rechten Brust hinauf. Dann zur linken. Und unter dem Hosenbund hinunter bis zum Schambereich. Auf der bloßen Haut. Und immer diese kreisenden Bewegungen. Zwischendurch schaukelte er mich wieder an der Hüfte und redete in seiner beruhigenden Stimme auf mich ein, damit ich weiter entspannt blieb. Dennoch verspannte ich mich langsam aber sicher am ganzen Körper. Ich fühlte mich nun mehr wie ein Brett auf dieser harten Unterlagen, dem Tisch.

Zu den Berührungen kam ein Geräusch dazu. Eigenartig deplatziert klang es. Als würde jemand auf einem Stück Stoff mit den Fingern hin- und herstreichen. Es klang aber anders als das typische „ich kratze mich mal“. Rhythmischer. Wurde mit der Zeit auch schneller. Dazu J.D.’s kreisende Hand auf meiner Brust oder auf meinem Schambereich. Ich hatte die Augen geschlossen. Zweifelte an meiner Wahrnehmung. Beruhigte mich selbst. Diese Stimme in mir flüsterte weiter. „Das bildest du dir ein“. „Das kann doch gar nicht sein“. Ich zweifelte an meiner Wahrnehmung. Die Augen geschlossen. Unfähig mich zu bewegen. Ich lag da und ahnte: „J.D. holt sich einen runter während er mich berührt!“ Die Stimme in mir wurde lauter. Immer lauter. Allerdings nur, wenn J.D. bei meiner Freundin war. Ich eine Pause hatte. Die Stimme in mir schrie „Nein“. Aber kein Laut drang über meine Lippen. Ich war gefangen in mir selbst. Das Geräusch war die ganze Zeit da. Dieses rhythmische Geräusch. „Ich will hier raus!!!“ Raus aus mir. Raus aus der Situation. Es ist alles so entsetzlich!

Die Tür ging auf. Eine weibliche Stimme fragte etwas. Entschuldigte sich für die Störung. „Hilf mir! Hilf uns!“, schrie ich innerlich. J.D. ging zur Tür, antwortete. Die Tür schloss sich und ich war immer noch unfähig mich zu bewegen. Unfähig aus diesem Albtraum aufzuwachen. Unfähig mich zu wehren.

J.D. kam zurück und machte weiter wie vorher. Ich machte eine Faust als er mich das nächste Mal berührte. Zog meine Augenbrauen zusammen. Endlich schaffte ich es, meine Augen zu öffnen: J.D. stand bei meiner Freundin, die eine Hand auf Hüfthöhe. Ich vermutete, dass er onanierte. Meine Freundin hob ihren Oberkörper an, nur um von J.D. wieder nach unten gedrückt zu werden. In mir währenddessen: „Nein. Nein. Warum hört mich denn keiner? Warum hilft mir niemand? NEIN. ICH WILL HIER WEG! NEIN!!!“ J.D. drehte sich um und kam zu meinem Tisch zurück. Ich blickte ihn an. Erblickte seine Hand in seiner Hosentasche, die sich schnell hin und her bewegte, hörte das schabende Geräusch und wusste, er onaniert tatsächlich. „Es ist tatsächlich wahr!“ Immer noch war ich unfähig, mich zu bewegen. Dann endlich, ENDLICH begann J.D. von 10 rückwärts zu zählen und uns aus dem hypnotischen Zustand zurückzuholen. Ich zählte innerlich schneller als er, damit ich endlich aufwachen konnte.


Hier und Jetzt

Ich sitze vor meinem Rechner, um diese Zeilen zu schreiben. Mir sie von der Seele zu schreiben. Nicht als neutralen Bericht, sondern weil ich die Gefühle fühlen und beschreiben mag, die damals in mir waren – soweit ich mich erinnern kann. Die heute in mir sind – so viele Jahre danach. Ich brauche diese Klarheit für mich selbst. Meine Hände zittern. Ich brauche Pausen zwischendurch. Ablenkung durch Kontakte mit lieben Menschen auf Twitter und einen Herz-Schmerz-Film. Die Intensität meiner Gefühle drohen mich zu überwältigen. Atmen. Ausatmen. Durchatmen. Die angespannten Muskeln wieder loslassen. Die Traurigkeit zulassen. Besser noch die Wut. Aber vor allem auch die Erschöpfung nicht verdrängen, sondern sie annehmen. Daseinlassen. Mich auf die notwendigen Unterbrechungen einlassen.


Unmittelbare Konsequenzen

Als mein Freundin und ich den Raum verlassen hatten, verständigten wir uns, dass wir dringend miteinander reden wollten. Noch wusste ja keine von uns, was die jeweils andere erlebt hatte. Vielleicht hatten wir auch ein klitzekleines bisschen Hoffnung, dass wir uns doch geirrt hatten. So tauschten wir unsere Erfahrung aus und erkannten, dass wir beide das gleiche erlebt hatten. Meine Freundin fing an zu weinen, hatte Angst, fühlte sich zerrissen und aufgewühlt. Ich habe heute keine Erinnerung mehr an diesen Moment und auch nicht an die Stunden und Tage nach dem Vorfall. Auch in mein Tagebuch schrieb ich darüber nichts. Ich konnte wohl meine Gefühle nicht benennen oder ich hatte keine. Ich vermute, dass ich mich damals in einer Erstarrungsreaktion als meine Antwort auf diese für mich traumatische Erfahrung befand.

Zum Glück gab es diesen Psychologieprofessor an der Hochschule, zu dem wir Vertrauen hatten. Wir beschlossen, ihm unsere Erfahrung zu berichten. Er kümmerte sich zusammen mit einer Professorin um uns. Nach einiger Zeit wurde im Gespräch miteinander deutlich, dass wir uns wenigstens nachträglich wehren wollten. Und so zeigten wir J.D. noch an diesem Abend bei der Polizei an. Es wurde ein Strafverfahren wegen sexuellen Missbrauchs Widerstandsunfähiger.

Es ist ein schlechter Witz, dass ich ausgerechnet in dieser Zeit an einer Hausarbeit zum Thema „Inzest“ saß. Ich vertrat vehement die Meinung, dass frau einen sexuellen Übergriff zur Anzeige bringen sollte. Nun war ich selber in diese Situation gekommen und natürlich zeigte ich den Mann an. Es war einfach nicht vorstellbar, das nicht zu tun. Hätte ich allerdings gewusst, was diese Anzeige für eine Belastung nach sich ziehen würde, hätte ich es vermutlich nicht gemacht. Ich kann heute jeden Menschen verstehen, der sich dieser Belastung nicht aussetzt. Ist doch die Verarbeitung der Erfahrung an sich schon schwierig genug.

Als wir von der Polizei wieder zur Hochschule zurückkamen, wurde deutlich, dass die anderen Studierenden wussten, dass etwas vorgefallen war. Allerdings nichts Konkretes. Meiner Freundin und mir war wichtig, dass in den nächsten Tagen nicht über J.D. und seine guten Vorträge gesprochen wurde. Wir wollten das gute Image des Mannes zurechtrücken und daher trommelten wir alle noch anwesenden Studierenden in einem Raum zusammen. Dort erzählte unser Psychologieprofessor in groben Zügen, was vorgefallen war. Wir ergänzten mit kurzen Bemerkungen.

Der Kreis mit den anderen Studierenden war intensiv. Sie waren betroffen. Bestürzt. Ich habe Männer öffentlich weinen sehen. Ich erinnere mich an einen Mann, der zu mir sagte: „Ich schäme mich, ein Mann zu sein“. Das bedeutet mir heute noch unheimlich viel. Der Satz war inhaltlich nicht sonderlich hilfreich, aber er zeigte mir, dass nicht alle Männer so wie J.D. sind. Leider muss ich mir heute eingestehen, dass ich „die Männer“ trotzdem pauschal als bedrohlich abgespeichert habe. Leider.

Der Tag klang mit der Party aus. Wir brauchten Ablenkung.


Hier und Jetzt

Wir haben damals Tagebuchaufzeichnungen über unsere Erfahrung gemacht. Ich habe diese Mappe seit 1993 bei mir. Noch vor einem Jahr war es mir nicht möglich, darin etwas zu lesen. Ich habe sie viele Jahre in einer Kiste verstaut und im Zuge meines Umzuges nach Norddeutschland fiel sie mir in die Hände. Ich brachte sie meiner Traumatherapeutin mit. Dort lag sie nun einige Monate. Meine Erinnerung an die Erfahrung hatte ich im Zuge der Erarbeitung meiner Lebenslinie mit den guten und schwierigen bzw. traumatischen Erfahrungen meines Lebens sicher in den Tresor verpackt. Ich wollte, dass auch der physische Ausdruck bei meiner Therapeutin bleibt. Um besser durchatmen zu können. Zumindest teilweise. Nach einem Jahr Stabilisierungsarbeit ist es mir nun möglich, meine eigenen Aufzeichnungen zu lesen, ohne zu dissoziieren. Ich konnte mich beispielsweise nicht mehr daran erinnern, dass J.D. mich auf der bloßen Haut berührt hatte. Dass er seine Hand unter meinen Hosenbund schob und am Schambereich kreisende Bewegungen machte. Die Verdrängung schlimmer Erfahrungen funktionierte also in mir. Ich finde das gut, weil es mir ein Weiterleben ermöglichte. Gleichzeitig bin ich sehr froh, dass ich mich damals gezwungen habe, Aufzeichnungen zu machen. Sie helfen mir heute, die auslösenden Trigger besser zu verstehen.


Fortsetzung folgt

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