CN Sexuelle Gewalt – Teil 2 – Die Folgen

17. Dezember 2019 Allgemein

„Warum schreibt diese Frau das so öffentlich ins Internet?“ werden sich manche LeserInnen fragen. Ich mich auch. Es war ein innerer Drang, mit vielen und lauten Zweifeln durchmischt. Aber es endete immer wieder bei dem Gefühl: es ist wichtig für mich. In den letzten Tagen veröffentlichte ich Teil 1. Jetzt kann ich endlich weiter an Teil 2 schreiben. Etwas in mir ist in Bewegung geraten. Das ist gut so. Und ich hoffe, diese Bewegung hält an.


Mittelfristige Auswirkungen

Die Projektwoche war noch nicht zu Ende und ich besuchte weiterhin alle angebotenen Vorträge und Workshops. Ablenkung. Auf jeden Fall Ablenkung und nicht AlleineSEiN. Das war der wichtigste Fokus. Dort an der Hochschule konnte ich ein eigenartiges Gefühl von Gemeinschaft wahrnehmen. Auf mich, auf uns, wurde „aufgepasst“. Nie waren wir alleine in einem Raum. Die anderen Studierenden hatten ein waches Auge auf uns. Nicht nervig, sondern liebevoll. Das hat gut getan. Es wäre gelogen, wenn ich sage, dass mich daran gerne zurück erinnere. Aber lange Zeit habe ich meinen neutralen Bericht über meine sexuelle Gewalterfahrung mit den Worten beendet: „Ich hätte diese Unterstützung und Gemeinschaft mit den anderen Studierenden nicht erfahren, wenn der Missbrauch nicht gewesen wäre. Und das fände ich schade.“ Heute denke ich mit einer Perspektive: „Schade, dass es dazu erst diese Erfahrung gebraucht hat“. Und vielleicht war es auch nur zur Beruhigung meines Gegenübers gedacht. Denn mir schlug immer Betroffenheit entgegen, wenn ich von meinem Erlebnis erzählte. Mehr Betroffenheit als ich je zu spüren in der Lage war. Mit diesem Schlußsatz war dann doch irgendwie alles gut, oder nicht?

Eines der folgenden Wochenenden verbrachte ich mit meinen Eltern, meiner besten Freundin und meinem Partner in den Bergen. Eine Tour auf den Hochkönig inkl. Übernachtung auf der Hütte. Hauptsache Ablenkung. Raus in die Natur. Ein Erinnerungsfetzen ist das Runterrutschen über ein Schneefeld. Ansonsten: keine. In meinen Aufzeichnungen lese ich eine kurze Notiz über Angstzustände während der Nacht. Schlaflosigkeit. Flashback. Angst vor den Männern. Heute denke ich, dass ein wirklich sicherer Raum damals hilfreicher gewesen wäre. Stattdessen gab es einen gemeinschaftlichen Schlafraum mit allen anderen Bergsteigerin. Nicht gut. Aber ich wusste nichts vom Umgang mit Traumata. Meine Eltern ebenso wenig. Leider.

Jeder Kontakt mit der Polizei – meistens mit der Nachfrage wie weit die Ermittlungen gediehen sind – beinhaltete die Frage des zuständigen Kripobeamten „Wollen Sie die Anzeige nicht besser zurückziehen?“ Das war schwer auszuhalten. Denn es war kein wohlwollend „achten Sie auf die Belastung für Sie“, sondern ein „Sie haben doch eh keine Chance“. Termine mit der Rechtsanwältin. Kann ich die entstehenden Kosten überhaupt bezahlen? Ein Gespräch mit einem Therapeuten. Auch eins in der Psychiatrie, damit aktenkundig wird, wie es mir geht. Machte der Arzt dort aber nicht. Keiner half, so mein Eindruck. Alles in allem unbefriedigend. Ich habe immer noch kaum eine Erinnerung an diese Zeit. Meine Aufzeichnungen verraten nur, dass da Termine waren.

Mein Praktikumssemester, das zeitnah im Anschluss an die Projektwoche begann, brach ich vorzeitig ab. Meine Partnerschaft zerbrach. Ich hatte keine eigene Wohnung mehr und schlief bei meiner Freundin. Noch einmal ein Versuch eine Therapie zu beginnen. Im ersten Gespräch fragte ich nach dem Ziel der Therapie Ich hatte eine Psychoanalytikerin erwischt. Es lautete: die unbewussten Probleme an die Oberfläche bringen. Ich weigerte mich, diese Therapie anzufangen. Mein innerer Kommentar zum diesem Ziel war: Wenn zu meiner A4-Seite aktueller Probleme noch mehr dazu kommen, bringe ich mich um.

Ich fühlte mich alleine gelassen. Von allen. Nirgends eine helfende Hand. Weder bei den Eltern, bei Freunden oder Fachkräften. Keiner konnte mich erreichen. Vielleicht haben Sie es ja versucht? Ich weiß es nicht.

Ich entwickelte eine Essstörung. Magersucht. Denn mein Körper war das einzige, worüber ich noch Kontrolle hatte. Ich war stolz, wenn ich mit einem Apfel am Tag auskam. Ich hungert mich auf 43 kg runter bei einer Körpergröße von knapp 160 cm. Dazu trieb ich Sport: Radfahren und Schwimmen. Nur Leistung zählte. Ich engagierte mich im Studium neben den Vorlesungen in der Fachschaft. Organisierte viel. Nach außen schien alles verarbeitet, überwunden. Innen sah es anders aus. Ganz anders. Wechselnde Affären, um jemanden um mich zu haben. Mich auf keinem Fall mit mir selbst auseinandersetzen müssen.

Als meine beste Freundin damals sagte: „Es interessiert mich nicht, ob und wieviel du gegessen hast“ war das ein Schlag in die Magengrube. Aber auch ein Weckruf. Der Weckruf. Ich träumte damals, dass ich in den Bergen auf einem Grat lief und mich entscheiden sollte. Nehme ich die eine Seite wähle ich den Tod. Nehme ich die andere Seite wähle ich das Leben. Ich wählte das Leben. Aber die Intensität meiner eigenen Gefühle konnte ich nicht (aus)halten. Ich funktionierte anstatt wirklich zu leben.


Hier und Jetzt

Als ich anfange über meine Erfahrung zu schreiben, habe ich keinen Appetit. Es ist als würde ich in dieses alte Verhalten zurückfallen. Ich beobachte mich dabei. Einen Tag lang lasse ich es zu. Dann steuere ich bewusst dagegen an. Zumindest gegen das Nicht-Essen. Dafür esse ich jetzt mehr und vor allem mehr Zucker, was ich nicht gut vertrage. Aber diese Leere in mir will gefüllt werden. Ich habe keine Idee, wie ich es sonst tun könnte.


Gerichtsverhandlung

Fast zwei Jahre nach dem Vorfall war die Gerichtsverhandlung. Sie dauerte von 9 bis 16 Uhr. Ursprünglich waren 3 Verhandlungstage, 8 Zeugen und ein Sachverständiger vorgesehen. RTL zeigte Interesse an einem Interview, wir lehnten ab. Es waren 5-6 Presseleute während der Verhandlung anwesend. Ich „durfte“ bis 14 Uhr mit meiner Aussage warten, da es einen großen Zeitverzug gab – so meine Aufzeichnungen. In eigener Erinnerung blieb mir, dass meine Freundin und ich jede ihren „Aufpasser“ hatte. Wir waren daher nie alleine. Neben dieser freundschaftliche Unterstützung waren meine Eltern und unser Psychologieprofessor anwesend. Es war eine öffentliche Verhandlung, im Publikum Menschen, die wir nicht kannten. Frauen. Im Laufe der Verhandlung wurde klar, dass sie das gleiche erlebt hatten wie wir. Keine der betroffenen Frauen traute sich auszusagen. Wieder alleine gelassen worden.


In der Mittagspause kam J.D. auf mich zu, wollte wohl etwas sagen oder fragen. Mein Vater stellte sich vor mich. Schütze mich. Seinen Satz zu J.D. weiß ich heute noch. Die Fragen des Staatsanwaltes sinngemäß auch: „Wie können Sie wissen, dass er onaniert hat? Sie haben es doch nicht gesehen. Nur gehört.“ Ja, J.D. hatte seinen Penis nicht aus der Hose geholt, ich habe ihn tatsächlich nicht gesehen. Theoretisch hätte er sich also kratzen können. Hat er aber nicht!!! Ich bin mir bei wenigen Erinnerungen so sicher, wie bei dieser.

Wir haben auf Anraten unserer Rechtsanwältin einen Vergleich mit J.D. abgeschlossen, wobei alle Parteien (Staatsanwaltschaft, Angeklagter und Nebenkläger) zugestimmt haben. J.D. gestand eine geringe Schuld ein, d.h. sobald er sich nochmal etwas zu Schulden kommen ließe, gälte er als Wiederholungstäter. Außerdem musste er an mich und meine Freundin jeweils 800,- DM Schmerzensgeld bezahlen. Zusätzlich bestanden wir darauf, dass J.D. auch noch alle anfallenden Gerichts und Anwaltskosten übernahm. So bekam J.D. einen Eintrag ins Führungszeugnis und damit war der Gerechtigkeit genüge getan.


Fortsetzung folgt…

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