CN Sexuelle Gewalt – Teil 4 – Langfristige Auswirkungen

11. Februar 2020 Allgemein

Irgendwann lebte ich wieder ein Leben, das irgendwie normal war. Mehr oder weniger. Hatte wieder einen festen Partner. Mein Körper zeigte mir aber immer deutlicher, dass etwas ganz und gar nicht stimmt. Heute denke ich, dass der innerliche Dauerstress zu meiner Erkrankung geführt hat. Gepaart mit genetischen Vorbedingungen und negativen Umwelteinflüssen konnte mein Körper nicht anders.

Neben zwei längeren Psychotherapien habe ich auch an einer Gruppe für Frauen mit sexuellen Gewalterfahrungen teilgenommen. Hilfreich. Aber nur ansatzweise. Damals habe ich folgenden Text anonym in der kleinen Broschüre „aufSCHREIben…und gehört werden“ – ein Projekt gegen sexualisierte Gewalt veröffentlicht.

Ich kann heute jede Frau verstehen

Ich kann heute jede Frau verstehen, die ihren Peiniger nicht vor Gericht bringt. Immer war ich der Meinung: „Verstecke dich nicht, habe den Mut, den Mann zur Verantwortung zu ziehen, der dir Gewalt angetan hat, der dich missbraucht hat. Das bist du dir und allen anderen missbrauchen Frauen schuldig!“ Dann habe ich am eigenen Leib erfahren, was e bedeutet, missbraucht zu werden und habe meinen Peiniger angeklagt.

Ich habe erlebt, wie es ist, meiner Wahrnehmung in der Situation zu misstrauen, an meinem Bestand zu zweifeln – getreu dem Motto „Es kann nicht sein, was nicht sein darf“. Ich habe erlebt, wie ich das Vertrauen, das ich bis dahin anderen Menschen wie selbstverständlich im Vorschuss entgegengebracht habe, für mich behalten habe. Ich habe erlebt, wie sehr ein solches Erlebnis meine Partnerschaften beeinflusst und letztendlich zum Scheitern bringt.

Ich habe erlebt, wie anstrengend es ist, den Kripobeamten immer wieder die Stirn bieten zu müssen und trotz wiederkehrender Frage „Wollen Sie das Verfahren nicht doch zurückziehen?“ auf die Gerichtsverhandlung fast zwei Jahre lang zu warten.

Ich habe erlebt, wie schwer es ist, vor Gericht meine Erlebnisse in allen Einzelheiten darstellen zu müssen ohne Rücksicht auf meine psychische Verfassung. Ich habe es erlebt, wie es ist, nach fast zwei Jahren meinem Peiniger gegenüber zu stehen – diesen Hass, diese Angst. Dieses Unverständnis und die Frage „Warum?“ in mir zu spüren.

Damals habe ich die Schuld bei mir selbst gesucht. Ich habe mich angeklagt: Wärst du durch vorsichtiger gewesen. Hättest du doch einem anderen Menschen nicht blindes Vertrauen geschenkt, hättest du dich doch nicht hypnotisieren lassen, wärst du doch mit deinen gesundheitlichen Problemen zu einem „richtigen“ Arzt gegangen!
Es hat lange gedauert, bis ich Frieden mit mir schließen konnte. Die Frage nach „Wer ist Schuld gewesen?“ stelle ich mir heute nicht mehr. Es ist für mich unwichtig geworden. Wichtig ist für mich stattdessen, dass ich gelernt habe meine persönliche Grenze zu spüren und zu verteidigen, für mich einzustehen und mich selbst zu schützen. Und das ist gut so!

Es war ein steiniger Weg für mich – es war mein Weg. Ich habe größten Respekt vor den Frauen, die sich für einen anderen Weg entscheiden. Die anderes leben mit einem solchen Erlebnis zu leben. Es gibt keinen „Königsweg“.


Gerade, wenn ich die letzten beiden Absätze meines anonymen Beitrags lese, merke ich, dass ich nicht endgültig Frieden mit mir geschlossen habe. Theoretisch vielleicht – also vom Kopf her. Weil ich mir die Schuldfrage tatsächlich selten stelle. Außerdem klingt das ja auch gut und macht anderen Frauen Mut. Aber gefühlsmäßig habe ich keinen Frieden mit mir geschlossen. Überhaupt nicht. Mein Nervensystem und mein Körper zeigen mir jeden Tag eine andere Wahrheit.



Hier und Jetzt

Jetzt, 25 Jahre nach der Erfahrung mit sexuellen Gewalt darf ich immer noch Langzeitfolgen an mir beobachten und bearbeiten. Trotz der beiden Psychotherapie. Seelischer Stress ist für die Erkrankung MCAS (Mastzellaktivierungssyndrom) schädlich und soll vermieden werden. Meine Seele weint immer noch. Leise. Kaum beachtet in den letzten Jahren. Nur mit Überleben und Funktionieren beschäftigt. Ziel der jetzigen Traumatherapie ist für mich die Reduzierung meiner inneren Anspannung.

Das perfide an meiner sexuellen Gewalterfahrung ist, dass mein Nervensystem Entspannung als Bedrohung wertet. Denn die Erfahrung lautet ja: Wenn Du entspannt bist, Barbara, wird dir Gewalt angetan. Kein Wunder, dass mein Körper jegliche Entspannung verhindert und aufgrund des jahrelangen Stresses krank geworden ist. Von der ganzen Anspannung her ist er zudem einfach erschöpft. Aber so was von. Wie bitte soll ich aus diesem Teufelskreislauf aussteigen?


Gefühlszustände

Mit Hilfe der Traumatherapie erlebe ich derzeit Gefühle, die ich vor vielen vielen Jahren hätte fühlen müssen. Was ich aber nicht wollte. Die mir ein Funktionieren bzw. Überleben nicht ermöglicht hätten. Außerdem habe ich meinen eigenen Gefühlen misstraut. Und die Intensität dieser Gefühle war zu viel. Einfach viel zu viel. An manchen Tagen fürchtete ich, verrückt zu werden.


Scham

Ich schäme mich, wie und dass mir so etwas passieren konnte. Ich war doch schließlich nicht leichtsinnig. Bin nicht alleine zu J.D. gegangen, sondern mit Begleitung. Hätte ich es wissen müssen? Wissen können? Was habe ich übersehen?

Ich schäme mich auch, dass nach so vielen Jahren, zwei Gesprächstherapien diese Erfahrung immer noch so einen umfassenden Einfluss auf mein Leben hat. Ich mittlerweile die dritte Therapie mache, weil ich immer noch nicht mit der erlebten sexuellen Gewalt abgeschlossen habe. Nicht nach vorne blicken kann. Die Sexualität immer wieder mal schwierig ist. Habe ich nicht genug daran gearbeitet? Was mache ich denn falsch? Wird es jemals aufhören, dass diese Erfahrung mich quält?

Ich schäme mich gegenüber meinem Partner. Denn es gibt Tage, an denen ich vor ihm zurückschrecke. Einfach aufgrund der Tatsache, dass er ein Mann ist. Obwohl ich schon 15 Jahre lange bewiesen bekommen habe, dass nicht alle Männer so sind wie J.D. – ganz im Gegenteil. Vertrauenswürdig. Mich beschützend statt verletzend oder ausnutzend. Warum zur Hölle interessiert das mein Nervensystem nicht? Ein triggerndes Geräusch und alle positiven Erfahrungen sind wie weggewischt. Dann ist da nur noch die Erinnerung an die erlebte sexuelle Gewalt.
Ich schäme mich, wenn ich Lust auf Sex habe. So als dürfte ich dieses natürliches Bedürfnis nicht zeigen. Weil…weil mir dann womöglich wieder Gewalt angetan wird. Und ist das nicht ein Hinweis, dass ich auch Schuld empfinde?


Schuld

Bin ich nicht selber schuld, dass mit der Missbrauch passiert ist? Warum habe ich diesem Menschen vertraut? Ich erinnere mich nicht mehr, welche Kleidung ich trug. Raum für Schuldvorwürfe also… vielleicht hat ja meine Kleidung Anlass geboten? An guten Tagen denke ich das nicht. Aber tief in mir, frage ich mich leise: hätte ich es nicht vermeiden können?

Ich empfinde Schuld, weil ich meine beste Freundin da mit reingezogen habe. Unsere Freundschaft besteht heute nicht mehr. Ich weiß nicht, ob dieser Ereignis dafür verantwortlich ist, aber es scheint so. Wir sind uns mit der Zeit immer mehr aus dem Weg gegangen. Und irgendwann brach der Kontakt vollständig ab, obwohl wir in der gleichen Stadt lebten.


Trauer

Es war vor 25 Jahren. Noch immer habe ich mit dem Thema nicht abgeschlossen. So viele Situationen, in denen ich dissoziiert habe anstatt zu fühlen, weil mein Nervensystem meinte eine Gefahr zu erkennen – wo keine war.

Ein Beispiel: Ich liege bei Osteopathen oder Physiotherapeuten auf der Liege und darf mich entspannen. Unvermittelt empfinde stattdessen ich Angst, Wut, Anspannung in mir. Weil der Therapeut an meiner linken Seite steht. Ich auf einer harten Liege liege – dem Tisch von damals ähnlich, das Setting genau gleich. Diese Verunmöglichung von Entspannung macht mich traurig. Es ist ein stetiger Kampf gegen mich selbst. Wie paradox: Kämpfen um zu entspannen. Als ob es so eintreten würden. Entspannen heißt doch sich sein lassen, ungeachtet der Umstände. Bemerkt mein Nervensystem aber Entspannung, wittert es Gefahr.

Die vielen dadurch verpassten Gelegenheiten machen mir zu schaffen. Zusammen mit dem MCAS (Mastzellaktivierungssyndrom) habe ich öfter den Eindruck, ich habe 15 Jahre meines Lebens einfach verloren. Verbracht in Dissoziation, beschäftigt mit Funktionieren und Überleben. Ich fühle mich um mein Leben betrogen. Ich bin traurig, weil ich über viele Jahre erstarrt war, passiv, vielleicht noch reaktiv, aber ganz sicher nicht aktiv mein Leben gestaltet habe. Mich an die Begebenheiten angepasst habe. Die davongetragene Verletzung schmerzt zutiefst.


Angst

Es ist schon erstaunlich, was mein Nervensystem mittlerweile alles als Bedrohung abgespeichert hat. In Bezug auf die Erfahrung der sexuellen Gewalt ist es unterm Strich: Männer sind eine Bedrohung. Ich misstraue ihnen. Je vertrauter ein Mann mir ist, umso mehr. Das liegt nicht nur in dieser Erfahrung begründet, ein Teil kommt auch aus meiner Kindheit. Trotzdem.

Um mal direkt zu sein: In der Sexualität gibt es auch Settings, die absolut als bedrohlich von mir empfunden werden. Ich mag das im Internet momentan nicht öffentlich ausbreiten, es ist mir peinlich, aber diese Situationen sind da. Lange Jahre habe ich Sexualität gemieden. Nur soviel zugelassen, wie notwendig war, dabei dissoziiert, und im Grunde hätte ich wohl ganz auf Sex verzichten können. Mich immer wieder bewusst dem nächsten Flashback auszusetzen, hat das Miteinander in der Partnerschaft belastet. Ich hatte deswegen sogar mal einen Versuch zur Sexualtherapie mit einem Partner gestartet, was aber nicht funktioniert hat, weil es keine Sympathie zwischen dem Therapeuten und uns als Paar gegeben hatte.

Kurios finde ich, dass mein Nervensystem bei bestimmten Möbeln reagiert. Der Missbrauch fand in einem typischen Seminarraum einer Hochschule statt. Jeder Tisch, der diesen Tischen ähnelt, wird als Bedrohung eingestuft. Ich habe ab dem Zeitpunkt des Missbrauchs weitere 15 Jahre lang an der Hochschule verbracht. Als Studentin im Erststudium und Zweitstudium sowie als Lehrbeauftragte. Erst im Lauf der Traumatherapie erkannte ich den Zusammenhang.

Sobald ein Arzt/Therapeuten-Patienten-Setting der Erfahrung von damals ähnelt, wird es als Bedrohung eingestuft. In der Regel steht der Arzt, ich liege, besonders schwierig, wenn der Arzt von der linken Seite an mich herantritt. Oder aber ich kann mich nicht bewegen, wie zwangsläufig beim Zahnarzt.


Wut

Mit dem Gefühl Wut kann ich sehr schwer umgehen. Im Grunde lasse ich sie einfach nicht zu. Sie ist zu bedrohlich. Ich hatte immer den Eindruck, wenn ich die mal rauslasse, dann trete ich den nächstbesten Kühlschrank zu Schrott. Daher habe nie zugelassen, dass diese Wut von mir ausgedrückt wird. Nicht mal in meiner Phantasie.

Es waren wirklich seltene Momente, in denen ich meine Wut auf J.D. deutlich spürte. Wie kann sich dieser Mensch nur so verhalten? Seit ich in der letzten Therapiestunde mit Hilfe einer Imaginationsübung meine Wut rausgelassen habe – ich habe ein Kissen geprügelt und ihn ein wenig dazu angeschrien – ist sie nicht mehr da. Ich weiß natürlich nicht, ob das so bleibt, aber momentan verspüre ich eine große Ruhe in mir, wenn ich an die Erfahrung der sexuellen Gewalt zurückdenke.

Ich habe mal gelernt, dass hinter der Wut in über 90% der Fälle ein Schmerz verborgen ist. Das kann ich bestätigen. Dennoch mag ich die reine Energie der Wut. Denn sie durchströmt mich und verleiht mir Kräfte, die ich sonst nicht spüre. Das tut mir sehr gut. Ich brauche eine gewisse Aggression, um für mich eine Veränderung herbeizuführen. Was nicht bedeutet, dass ich die Wut unkontrolliert gegenüber anderen Menschen auslebe. Aber Grenzen aufzeigen und sie im Notfall auch verteidigen, geht für mich nur mit einem gewissen Maß an Wut.


Ekel

Dies ist ein neues Gefühl für mich. Mich vor mir selbst ekeln. Meinen Körper eklig finden, der das erlebt hat. Das dringende Bedürfnis zu duschen, um mich damit rein zu waschen. Ich meine, es sind 25 Jahre vergangen und dennoch fühle ich diesen Ekel.

Ich finde meinen Körper auch nicht schön. Eklig ist sicher zu hoch gegriffen, aber einfach nicht schön. Ich fühle mich in den seltensten Fällen wohl in mir. Es gibt Regionen im Körper, die ich einfach nicht spüren kann.

Ich hoffe, es braucht keine Fortsetzung mehr.

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