Lebensmüde

8. Mai 2020 Allgemein

Gestern war es wieder mal soweit. Ich war lebensmüde. Diesen Zustand hatte ich länger nicht mehr. Es war kurios, ich saß in meiner Küche, dieses deutliche Gefühl des „Ich mag nicht mehr. Hat doch eh alles keinen Sinn. Wäre ich doch tot, dann hätte das alles endlich ein Ende.“ in mir und gleichzeitig zu wissen, mein Leben ist gut so, wie es gerade ist. Denn da gibt es einen tollen Partner an meiner Seite, der wieder vollständig gesund ist und außerdem liebe ich ihn. Ein schönes Haus, in dem ich wohne. Keine finanziellen Sorgen und sogar die Sonne scheint. Und dennoch war da dieses starke Gefühl des Lebens müde zu sein.

Es war mein innerer Anteil „die Lebensmüde“, die überraschenderweise am Konferenztisch saß. Ich wusste nicht, was ich ihr geben kann, damit sie sich gesehen und beruhigt fühlt. Es war jedenfalls kein Schutz, keine Sicherheit, keine Umarmung nötig. Was denn dann? Was brauchst du? Keine Antwort.

So ging ich in meine Traumatherapiestunde. Ich hielt meinen Stellvertreter für die Lebensmüde in der Hand und plötzlich brach das Entsetzen und die Traurigkeit aus mir heraus. Ich war lebensmüde. Jahrelang. Weil MCS (Multiple ChemikalienSensitivität), CFS (Chronische Erschöpfungssyndrom), ME (Myalgische Enzephalomyelitis), Fibromyalgie auf meinen diversen Befunden stand. Keine Hoffnung. Austherapiert. Die Schulmedizin konnte mir nach dem Stand der damaligen Forschungen nicht helfen. Erste Diagnose 2004. Erste ernstzunehmende Entgiftung der Schwermetalle 2009. Es folgten vier weitere. Jede einzelne ein Höllentrip. Die ersten drei Entgiftung waren auf drei Wochen angelegt. Jeden Tag Infusionen, jeden Tag massive Reaktionen. Aber diese Entgiftungsphase hatten nach drei Wochen ein Ende und ab dann ging es langsam, aber spürbar aufwärts. Ja, es dauerte bis zu einem halben Jahr, aber es wurde stetig besser. Die letzte Entgiftung machte ich 2015 wöchentlich. Insgesamt fast 11 Monate lang, dann brach ich ab. Im Jahresrückblick 2015 sind ein paar nackte Zahlen dazu zu lesen. Im September 2015 beschrieb ich vorsichtig meine Alltagsroutine mit den Infusionen. Aber im Grunde steht da wenig, wie es mir innerlich wirklich ging.

Ich war lebensmüde. Ich war suizidgefährded. Jede Woche aufs Neue. Eine ständige Achterbahnfahrt. Das haben die Infusionen zur Entgiftung in mir bewirkt. Es war eine allumfassende Finsternis, die anfangs jede Woche später alle zwei Wochen über mich hereinbrach – ziemlich genau 1,5 Stunden nach den Infusionen. Niemand schaffte es, mich da rauszuholen. Es gab für mich keine Medikamente dagegen. Ich konnte es nur aushalten. Meist alleine, weil der Liebste unter der Woche auswärts arbeiten war und die Kinder nur alle zwei Wochen ein paar Tage bei uns. Im Grunde war mit mir ja eh nichts anzufangen. Ich konnte keine Treppen laufen, hatte die komplette Palette an körperlichen und psychischen Reaktionen. Essen habe ich mir für die schlimmsten Tage vorgekocht, denn ich war zu schwach zum Kochen. Ich habe diese Zeit ganz gut gemanagt. Hinter mich gebracht. Aber meine Seele hat gelitten. Aushalten. Darauf vertrauen, dass dieser suizidale Zustand vorbei geht. Immer wieder. Mich nicht daran erinnern können, dass vor drei Tagen alles ok war. Es zählt in diesem Zustand nur das Jetzt und das war entsetzlich. Dieses Entsetzen, die Finsternis, mit der ich wöchentlich konfrontiert war, hat deutliche Spuren auf meiner Seele hinterlassen.

Wie oft bin ich unter dieser Autobahnbrücke durchgefahren und habe mir gewünscht, von dort oben runter zu springen? Wie oft habe ich an aktive Sterbehilfe gedacht? Ich hatte bei den früheren Entgiftungen schon mal vorsichtig mit meinem Liebsten besprochen, dass ich in diesem finsteren Tal nicht auf Dauer leben will. War jetzt der Zeitpunkt gekommen? Ach nein, heute geht es mir wieder ein bisschen besser. Achterbahnfahrt. Wochenweise. Wie ich das ausgehalten habe? Ich weiß es nicht. Ich weiß aber, dass ich in Tränen ausbreche, wenn ich mich heute an diese Monate erinnere. Wie mich das Entsetzen überrollt und ich Mitgefühl für mich selbst habe. Wie ich auch Mitgefühl für meine Familie habe, die das mit mir ausgehalten hat. Und eine große Dankbarkeit. Hätte ich das vollständig alleine durchstehen müssen, ich hätte vielleicht doch irgendwann all meine verbliebene Kraft mobilisiert und wäre zur ICE-Trasse hochgeklettert und hätte mich entweder vor den Zug geworfen oder die Brücke hinuntergestürzt.

Die Lebensmüde in mir ist mit diesen Erfahrungen in Kontakt, wenn sie aufgrund eines aktuellen Themas aktiviert ist. Diesmal war es die Aussicht auf das gemeinsame Lesen des Verlängerungsantrages für meine Traumatherapie.

Was die Lebensmüde in mir braucht, sind Informationen, Perspektiven, Hoffnung. Alles hat sie gestern durch das Lesen des Antrages erhalten. Dabei habe ich bisher nur ein Drittel gelesen. Die Diagnosen PTBS und kPTBS schwarz auf weiß zu lesen, hat mich entlastet. Denn hier kann ich an mir arbeiten, ich kann Skills erlernen und anwenden und damit mein Leben lebenswerter machen. Ich kann auch über die Trauma Methoden EMDR und IRRT meinem Nervensystem Erleichterung verschaffen, erlebte Traumata integrieren. Ich spüre eine positive Zukunftsperspektive, denn ich lese in dem Antrag auch, was ich schon verändern konnte in den letzten 1,5 Jahren. Und wenn alles gut läuft und dem Antrag stattgegeben wird, habe ich weitere 1,5 Jahre Zeit.

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