Bin ich beziehungsfähig?

21. Mai 2020 Allgemein

Beziehung bedeutet Stress für mich. Ständig. Egal, ob es ein einfaches Telefonat mit einer Mitarbeiterin im Baumarkt ist, ein Gespräch mit einer Bekannten oder einem Freund, der ständige Kontakt mit dem Mann. Alles in der Regel eine permanente Überforderung und stressauslösend. Denn aufgrund meiner Erfahrungen als Baby und Kleinkind habe ich einen unsicher-vermeidenden Bindungsstil erlernt.

Es gibt vier Arten von Bindungstypen, die sich am besten bei Kindern im Alter von 11 bis 18 Monaten beobachten lassen:

Typ A) sicher-gebundene Kinder
„Sie zeigen beim Verlassen der Bezugsperson deutlich ihre Emotionen. Sie weinen, ihr Stress nimmt zu (Cortisolanstieg) und sie beruhigen sich erst wieder, wenn sie die Bezugsperson wieder da ist und sie tröstet.“

Typ B) unsicher-vermeidend-gebundene Kinder
„Diese Kinder wirken bei Verlassen der Bezugsperson unbeeindruckt, kommt die Bezugsperson wieder, wird diese ignoriert. Der Stressanstieg ist jedoch vorhanden und wird durch die Bezugsperson nicht reguliert. Der Cortisolspiegel nimmt erst nach Stunden ab. Diese Kinder sind langfristig gestresst.“

Typ C) unsicher-ambivalent-gebundene Kinder
„Diese Kinder sind massiv verunsichert, wenn die Bezugsperson sie verlässt, sie weinen und zeigen ihre Emotionen. Kommt die Bezugsperson jetzt aber zurück, dann sind die Kinder hin und hergerissen, sich von ihr trösten zu lassen oder sie abzulehnen. Auch diese Kinder erleben eine langfristige Stresssituation.“

Typ D) unsicher-desorganisiert-gebundene Kinder
„Diese Kinder haben keine einheitliche Strategie für ihr Bindungsverhalten. Sie zeigen sich wie erstarrt und fangen an, bizarre Verhaltensweisen zu zeigen. Sie schaukeln vor und zurück, oder werden starr. Das alles bei völliger Emotionslosigkeit. Diese Kinder sind durchgehend gestresst.“

Anhand des Bindungstyps lässt sich ablesen, wie Beziehungen im Erwachsenenalter gestaltet werden. Denn die von uns erlebte Bindung als Kleinkind ist wie ein grundlegendes Konzept. Egal, ob Typ B, C oder D, alle diese Bindungstypen gehen mit dem Grundgefühl Stress in eine Beziehung. Es ist eben nicht der Ort, wo Sicherheit, Schutz und Geborgenheit zu finden ist. „Ein Kind, das ambivalent gebunden ist, [hat] einen Zwiespalt entwickelt. Bin ich wütend oder suche ich Nähe. Ein desorganisiertes Kind hat die Strategie entwickelt, gar nicht erst in Beziehung zu gehen, und ein unsicher [vermeidend] gebundenes Kind tut so, als gehe es nicht in Beziehung.“

Natürlich erleben wir als Kinder auch andere Beziehungen als jede zu unseren primären Bezugspersonen. Und können uns da ausprobieren. Wir entwickeln ebenso Strategien, wie wir in diesen Beziehungen sind. Später kann jedoch durch ein Ereignis in einer Beziehung, das uns unter Stress setzt, eben völlig unbewusst an die frühkindliche Erfahrung angedockt werden. Wir reagieren dann innerhalb der frühkindlichen Strategie und nicht mehr aus dem Erwachsenen-Ich heraus.

Bei mir ist das momentan der Fall. Nicht akut aufgetreten, aber es wird immer deutlicher, weil ich mich in meiner Traumatherapie mit meinem erlernten Bindungsstil bbefasse Laut Frau Hönig: Ich tue also so, als ginge ich nicht in Beziehung. Hält das einer Überprüfung stand? Ja, wenn es stressig im Kontakt wird, vermeide ich z.B. Augenkontakt. Ich entziehen mich auch dem Gespräch – entweder schalte ich innerlich ab oder mache eine Pause durch einen Toilettengang. Eine Auseinandersetzung mit einem Thema kostet mich viel Kraft. Es ist egal, um was es dabei geht. In meiner Kindheit habe ich nicht gelernt, meine Gefühle selbst zu regulieren und auch nicht zu spüren, welche Bedürfnisse ich habe. Sie wahrzunehmen und zu artikulieren (Gefühle wie Bedürfnisse) sind meine größte Herausforderung derzeit. Schwierig, wenn ich doch „brav und unsichtbar“ sein will, damit ich erwünscht bin.

Ich muss mich wirklich bemühen, den Kontakt nicht abreißen zu lassen. Je näher mir eine Person ist, desto eher kann das passieren. Dann melde ich mich monatelang nicht mehr, vergesse sogar, dass es diesen Menschen in meinem Leben gibt. Alles besser als wieder eine Zurückweisung zu erfahren. Und bei allem habe ich eine große Sehnsucht nach Kontakt mit anderen Menschen. Obwohl ich nicht weiß, wie „Kontakt“ geht. Dennoch heißt es, ich sei beziehungsfähig. Denn sonst hätte ich als Kind keine Strategien im Umgang mit meiner Bezugsperson entwickeln können. Es gibt also noch irgendwie irgendwo Hoffnung.

(Alle Zitate von der Homepage: www.praxis-hoenig.de)

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